Was kann Kunst zum Gemeinwohl beitragen?

Agnes Husslein-Arco


Belvedere

Das Schöne entspricht stets dem Geschmack der Zeit. Doch gerade zeitgenössische Kunstschaffende sind oft um eine Reflexion der politischen Situation bemüht, weshalb zunehmend auch das Hässliche in den Vordergrund tritt. Grundsätzlich möchte ich es aber mit der Einschätzung des kürzlich verstorbenen Umberto Eco halten, der in seiner Geschichte der Schönheit zur Conclusio gelangt, dass Schönheit niemals etwas Absolutes oder Unveränderliches sein könne.


Alexander Horwath


Österreichisches Filmmuseum

In der Kunst und anderswo hat das Schöne überall dort Relevanz, wo »Beauty and the Beast« zusammen auftreten. Wo sie sauber geschieden, in getrennte Sphären verlegt sind, ist nicht der Glanz der Wahrheit oder deren Geschmack zu finden, sondern ihr »Abgeschmack«: stetige Werbung, Selbstbewerbung der Gesellschaft des Spektakels. Dieser abgeschmackten Welt der fröhlichen Unwahrheit und Erstarrung alles Lebendigen (inklusive eines lebendigen politischen Raums) entkommt Schönheit nur in biestiger Gestalt.


Berthold Ecker


MUSA

So wie sich Politik und Religion mit der Vorgabe einer idealen Schönheit auf elegante Weise des Regulativs der Allgemeinheit bemächtigten, so ist es heute die Wirtschaft, die im Stadium der globalen kapitalistischen Leistungsgesellschaft dem Individuum Schönheit als zu erreichendes Funktionsmerkmal vorgibt. Reflektierte Kunst spielt mit diesem Phänomen auf der gesamten Skala der Möglichkeiten, die von der Affirmation bis zur Bloßstellung reicht.


Bettina Leidl


KUNST HAUS WIEN

Der Künstler Peter Dressler, dem das KUNST HAUS WIEN eine Retrospektive widmet, hat mit seiner Serie »Greifbare Schönheit« eine interessante Überlegung dazu angestellt. Sie führt ins Kaufhaus, wo – anders als im Museum – die Sehnsucht nach Berührung der Objekte ausgelebt werden kann. Für Dressler liegt das Schöne in der haptischen Inbesitznahme des ästhetisch Erhabenen. Im Umkehrschluss könnte man sagen: Schön ist, was uns berührt oder ergreift. Auf welche Weise auch immer.


Christian Strasser


Q21/MuseumsQuartier Wien

Die »schönen Künste«, wie sie einmal hießen, folgen schon lange nicht mehr dem Diktat, uns möglichst angenehme, harmonische Eindrücke zu verschaffen. Statt unseren Geist zu massieren, fordern sie ihn zur Bewegung heraus. Doch genau das macht die gegenwärtige Kunst so unverzichtbar: Denn nur durch diese beständige Prüfung kann unser Verständnis vom »Wahren, Guten und Schönen« in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wach und lebendig bleiben.


Christoph Thun-Hohenstein


MAK

In Zeiten der kühlen digitalen Vermessung aller Lebensbereiche erwarten wir von der Kunst den Mut, der Schönheit eine neue Chance zu geben. Nicht oberflächlich oder kitschig, sondern ehrlich und profund. Schließlich ist die Wertschätzung von Schönheit eine jener Haltungen, die uns Menschen noch immer von künstlicher Intelligenz und Robotern unterscheidet. Wien ist ein inspirierender Ort für die Suche nach der verlorenen Schönheit in der Kunst!


Dietmar Steiner


Architekturzentrum Wien

Das »Schöne« hält sich in der heutigen Mainstream-Architektur versteckt. Produziert werden Bilder einer »historistischen Moderne«, egozentrisch, cool, technoid, vermeintlich effizient, bestimmt von einer entwickelten und herrschenden Bauindustrie. Das »Schöne« aber ist als Wert der Gestaltung, als Argument von Qualität abhanden gekommen. Es wäre schön, wenn wir beim Bauen wieder vom Schönen sprechen könnten. Denn auch eine heterogene Gesellschaft würde begreifen können, was schön ist.


Eva Blimlinger


Akademie der bildenden Künste Wien

Was ist denn das Schöne? Was könnte das Schöne sein? Ist Kunst immer schön? Ist das Schöne der Kunst gar inhärent? Ist Kunst nicht immer jene der »schönen Künste«? Ist das Hässliche in der Kunst dann auch die schöne Kunst? Gibt es schöne Kunst der schönen Künste? Gibt es hässliche Kunst der schönen Künste? Wird das Schöne in der Kunst noch erkannt? Und wer will das Schöne in der Kunst überhaupt noch erkennen? Alles dekonstruiert und trotzdem oder gerade deswegen: Schöne Künste.


Gerald Bast


Universität für angewandte Kunst Wien

Der lauter werdende Ruf nach »Schönheit« in der Kunst ist allzu oft ein kaum verklausulierter Ruf nach Simplizität und Oberflächlichkeit. Er impliziert eine bestimmte Form von Ästhetik und blendet die historische, kulturelle und kontextuelle Variabilität des Schönheitsbegriffes aus. Unausgesprochen schwingt das von einer dominanten Richtig/Falsch-Kultur beförderte Unvermögen im Umgang mit Unsicherheit und Ambiguität mit. Kunst aber ist die beste Lehrmeisterin im richtigen Umgang mit Unsicherheit in verunsichernden Zeiten.


Hans Knoll


DIE GALERIEN Verband österreichischer Galerien moderner Kunst

Zum Schönen gehört Toleranz – des einen Schönes ist für den anderen nicht immer das Gleiche.


Hans-Peter Wipplinger


Leopold Museum

War »Schönheit« im Jugendstil noch mit einem gesellschaftspolitischen Anspruch verbunden – die Ästhetisierung des Alltags sollte die Lebenssitu­ation der Menschen verbessern –, so spiegelt der allgemeine Trend zur Ästhetisierung gegenwärtig den Hedonismus als Matrix der Kultur wider, der in starkem Kontrast zur aktuellen politischen Lage steht. Zeitgenös­sische Kunst öffnet alternative Horizonte von Schönheit, und das nicht zuletzt, indem sie die Wertvorstellungen dieser Matrix hinterfragt.


Herwig Kempinger


Secession

Schönheit war immer essenziell für die Kunst, allerdings jenseits des Harmonischen oder des Niedlichen – dennoch hat man lange versucht, sie aus der zeitgenössischen Kunst zu verbannen. Gegenwartskunst, die sich mit etwas beschäftigt, das die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch eine zentrale Bedeutung in jeder Form von Gesellschaft hatte, halte ich für weitaus interessanter als eine, die stets im sicheren Wind des jeweiligen Zeitgeists segelt.


Hubert Klocker


Sammlung Friedrichshof Stadtraum

Sigmund Freud hat sowohl den Nutzen als auch die kulturelle Notwendigkeit von Schönheit infrage gestellt, bestätigt gleichzeitig aber auch ihre kontinuierliche Präsenz in der Kultur. Damit formulierte er sehr schön die diesem Begriff zutiefst zugrunde liegende Relativität. Schönheit ist nichts anderes als ein weiteres Rätsel. Es lohnt sich allerdings, sich darüber Gedanken zu machen.


Karola Kraus


mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Natürlich wird in der Kunst durch alle Jahrhunderte hindurch immer wieder die gegenwärtige Definition von Schönheit reflektiert und hinterfragt. Eine wesentlich wichtigere Funktion der Kunst in einer Zeit schwerer globaler Krisen ist jedoch jene der Perspektive von außen, des reflektierenden Blicks, der zunächst aufrüttelnde Gefühls- und Gedankenprozesse auslösen kann, um schließlich zu unerwarteten Perspektivwechseln und dadurch auch zu neuen Problemlösungen zu führen.


Klaus Albrecht Schröder


Albertina

Die Annahme, mit der Moderne habe die Ästhetik des Hässlichen den mit Schönheit verschwisterten Wahrheitsbegriff endgültig abgelöst, ist ergänzungsbedürftig. Schönheit hat nicht nur in allen Kunstformen überdauert, die auf die Kraft des Dekorativen und des Ornaments setzen; auch für den Traditionsstrang des Erhabenen ist Schönheitssinn noch ein zentrales ästhetisches Anliegen. Ganz zu schweigen davon, dass jedes gelungene Kunstwerk als »schön« empfunden wird – selbst Grunewalds geschundener Christus am Kreuz.


Martina Taig


KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien

Im öffentlichen Raum sind wir in unterschiedlicher Weise mit dem traditionellen und zeitgenössischen Verständnis des Schönen konfrontiert. Da sich die Kunst im öffentlichen Raum wesentlich durch ihre Ortsspezifik charakterisiert, ist eine Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Umgebung unumgänglich. Es steht der Kunst allerdings offen, ob sie in der zeitgenössischen Sprache des Schönen spricht, sie persifliert, sie umkehrt oder mit ihr bricht.


Matti Bunzl


Wien Museum

Mit der Ausstellungspraxis im Wien Museum versuchen wir tagtäglich den Schönheitsbegriff unserer Kultur zu pluralisieren. Besucherinnen und Besucher erwarten durchaus zu Recht, »das Schöne« in Museen zu finden. Wir zeigen, dass solche Erlebnisse nicht nur durch Kunst ermöglicht werden. Auch Objekte des Alltags, die bei uns neben Meisterwerken von Klimt und Schiele zu sehen sind, haben potenziell ästhetische Qualitäten, zu deren Reflexion unsere Präsentationen einladen.


Monika Pessler


Sigmund Freud Museum

Das Schöne ist der Kunst längst kein Anliegen mehr, doch die Ästhetik, die sinnliche Wahrnehmung einer Idee sollten alle Zeiten überdauern und Kriterium kultureller Wert-Schätzung bleiben. Die Frage nach dem Schönen befremdet und birgt den Hinweis, dass ihr tatsächlich nicht die Suche nach dem Schönen zugrunde liegt: Das aktuelle »Unbehagen in der Kultur« spiegelt sich vielmehr in der Angst um den Verlust unseres So-Seins wider – ob schön oder nicht.


Nicolaus Schafhausen


Kunsthalle Wien

»Dass Kunst im Begriff des Schönen nicht aufgeht, sondern, um ihn zu erfüllen, des Hässlichen als seiner Negation bedurfte, ist ein Gemeinplatz«, wusste schon Theodor W. Adorno. Ein Provokateur könnte mit Donald Trump, »The beauty of me is that I am very rich«, zu dem Schluss kommen, Geld sei die zeitgenössische Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Schönheit. Die Kunsthalle Wien zeigt in ihren Ausstellungen, dass Letzteres nicht stimmt.


Peter Bogner


Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung

Friedrich Kiesler schuf 1959 eine Skizze mit dem Titel »sleeping beauty awakening«, die eine Ansammlung wirrer Linien zeigt. Sie formen Teile, die sich zu einem biomorphen Objekt fügen, dessen endgültiges Aussehen zu erahnen bleibt. Der Blick des Visionärs Kiesler und der gegenwärtigen Kunst ist auf die Suche nach dem Ideal gerichtet, das sich indes erst durch das Zusammenführen von Linien gesellschaftlicher Relevanz und Aktualität sowie der Präsentation und Rezeption des Kunstwerks erschließen lässt.


Peter Zawrel


Künstlerhaus 1050

Schönheit – eine Sache der Perspektive. Das Künstlerhaus etwa ist wunderschön, von nah und fern, am Karls­platz und in Margareten. Dennoch führt kein Weg an der »Ästhetik des Hässlichen« vorbei, denn die Kunst muss am Hässlichen »diejenigen Bestimmungen und Formen herausstellen, die das Häßliche zum Häßlichen machen, allein sie muß alles dasjenige von ihm entfernen, was sich nur zufällig in sein Dasein eindrängt und seine Charakte­ristik schwächt oder verwirrt« (Karl Rosenkranz, 1853). Die Frage nach der Schönheit ist immer auch die Frage nach dem, was Kunst muss oder nicht.


Sabine Haag


Kunsthistorisches Museum Wien

Schönheit in der Kunst war immer auch die Suche nach dem Idealzustand des Körpers und der Seele, dem Idyll einer Landschaft, der Schönheit der Gefühle, der Gottesvorstellung oder von Ideen. Kunst sollte durch die Darstellung des als schön Empfundenen zu guten Gedanken anregen; die äußerliche Schönheit war stets auch Spiegel innerer Schönheit. Begehren zu wecken und gleichzeitig durch moralische Implikationen zu zügeln könnte heute noch ein Weg sein, Schönheit nicht nur als ästhetisches Kriterium zu verstehen, sondern als Antrieb zum umfassend schönen Leben.



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