Zeitgenössische Kunst im inter­kulturellen Dialog

Was leisten die Österreichischen Kulturforen Budapest und Peking für die Wiener Kunstszene?

Susanne Bachfischer Photo: Orsolya Nemesházi

Die 29 Österreichischen Kulturforen (ÖKF) des Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres sind Zentren österreichischer Kulturarbeit im Ausland. Ihr Schwerpunkt liegt auf zeitgenössischer Kultur und Wissenschaft. Im Gespräch mit Susanne Bachfischer, der Leiterin des ÖKF Budapest, und Arnold Obermayr, dem Leiter des ÖKF Peking.

Budapest – geschichtsträchtiger Kooperationspartner

Welche österreichischen Kunstäußerungen werden in Ungarn hauptsächlich wahrgenommen?
Susanne Bachfischer: Wenn es um die Wahrnehmung von Kunst in Österreich geht, in erster Linie die auch in ungarischen Medien besprochenen Events der »klassischen Hochkultur« und insbesondere natürlich alles mit Bezug zu Ungarn.

Wie gelingt es, zeitgenössischer Kunst gegenüber klassischen Ausdrucksformen größere Aufmerksamkeit zu verschaffen?
Susanne Bachfischer: Viele ungarische Einrichtungen, mit denen wir zusammenarbeiten – wie das Ludwig Museum in Budapest, Mucsarnok (Kunsthalle), Trafó oder das Budapest Music Center –, haben ein zeitgenössisches Profil und sind sehr gut besucht. Unsere Ausrichtung ist komplett zeitgenössisch und wir können über Zuspruch nicht klagen; das ungarische Publikum ist sehr aufgeschlossen gegenüber der Moderne.

Welchen Stellenwert haben Kooperationen?
Susanne Bachfischer: Wir haben zahlreiche über Jahre etablierte Partner, unter den »österreichischen« fallen mir die österreichisch- ungarischen Schulen (Europa­schule, Gymnasium), das Österreich Institut und die Österreich Bibliotheken ein. Andere sind die deutschsprachige Andrássy Universität und die Germanistik- Institute verschiedener Universitäten, das Budapest Music Center, das Veranstaltungsschiff A38, das Architekturzentrum FUGA, das Vasarely-Museum. Die Liste ist endlos, da wir uns immer den besten Partner für unser jeweiliges Projekt suchen. Nur eine kleine Zahl von Veranstaltungen organisieren wir alleine in unseren eigenen Räumlichkeiten.

Welche Projekte sind gerade in Planung?
Susanne Bachfischer: Im Herbst 2016 wird ein größerer Schwerpunkt auf dem 60. Gedenkjahr des ungarischen Volksaufstands 1956 liegen. So ist eine von Schülern der Österreichisch-Ungarischen Europaschule erarbeitete zweisprachige Ausstellung in Fertigstellung, eine Konferenz ist für September angesetzt. Weiters wird das ÖKF sich am internationalen Filmfestival in Miskolc und – gemeinsam mit dem Goethe-Institut und der Schweizer Botschaft – am Filmfestival »Sehenswert« beteiligen.

Sie zeigen auch »Paarausstellungen«, bei denen österreichische und ungarische Kunstschaffende gemeinsam ausstellen. Wie erfolgt die Paarung?
Susanne Bachfischer: Manchmal ergibt sie sich, weil die Kunstschaffenden einander kennen; oder weil sich die Werke der beiden thematisch und/oder technisch ergänzen. Je nach Wunsch wird entweder ein Kurator bestellt oder die Ausstellung in einem Trialog zwischen den beiden Kunstschaffenden und dem ÖKF erarbeitet.

Wie hat sich das Kulturforum über die Jahre entwickelt?
Susanne Bachfischer: Meiner Meinung nach ist es – schon alleine aufgrund der EU-Mitgliedschaft Ungarns – für Kunstschaffende leichter geworden, direkte Kontakte zu knüpfen. Dies erfolgt vielfach ohne Mitwirkung des ÖKF und führt dazu, dass die Arbeit des Kulturforums in vielen Fällen darin besteht, Personen miteinander zu vernetzen.

Welches Bild sollte Österreich als Kunst- und Kulturland in, sagen wir, zehn Jahren repräsentieren?
Susanne Bachfischer: Ein positives Bild, das Österreich als modernes Kunst- und Kulturland mit langjähriger Tradition und geschichtlicher Verbundenheit mit Ungarn präsentiert, das auch für junge Leute attraktiv ist.

Peking – Vermittler einer vielfältigen Kultur

Chinas Österreich-Bild besteht aus klassischer Musik und romantischen Nachbauten von Städten. Ein Klischee?
Arnold Obermayr: Leider nicht, es entspricht den Tatsachen. Der Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad, den beispielsweise die Sissi-Filme haben, macht mich immer noch sprachlos. Nun kann man natürlich sagen, das sind positive Bilder. Sie sind aber so stark, dass es nicht leicht ist, darüber eine andere Schicht zu legen, um die Vielfältigkeit der österreichischen Kultur zu vermitteln.

Welche Bedeutung haben zeitgenössische Kunstformen?
Arnold Obermayr: Wenn man bedenkt, dass sich zeitgenössische Strömungen erst mit der Modernisierung unter Deng Xiaoping entwickeln konnten, ist es beeindruckend, wie schnell sich verschiedene Stile bildeten. Einige interpretierten gleichzeitig verschiedene Avantgarden aus dem Westen – mit dem es ja lange Zeit keinen Austausch gab. Ein Beispiel wäre die »Post-70s Ego Generation«: Unter der Ein-Kind-Politik aufgewachsen, betont sie den Stellenwert des Individuums und nicht des Kollektivs. Auch Medienkunst und Performance sind von großer Bedeutung. Es gibt eine sehr aktive Galerienszene und ganze Künstlerdörfer. Im Pekinger Künstlerviertel Songzhuang etwa leben mehr als 5.000 Künstlerinnen und Künstler.

Welche Schwerpunkte setzt das Kulturforum?
Arnold Obermayr: Heuer unterstützen wir einige Projekte in Chengdu, einer Stadt im Südwesten Chinas. Wenn wir selbst planen, versuchen wir den Dialogaspekt zwischen österreichischen und chinesischen Kunstschaffenden zu betonen. Wir nutzen bewusst soziale Medien wie Weibo und WeChat. Bei Weibo, dem chinesischen Twitter, haben wir bereits mehr als 10.000 Follower.
Ich besuche Kultureinrichtungen inner- und außerhalb Pekings, natürlich auch laufend Ausstellungen und Ate­liers chinesischer Kunstschaffender. Aufgrund der Landesgröße und der unzähligen Institutionen muss man unterscheiden, wer wichtig ist und wer nicht – ein Lernprozess, der auch viele leere Kilometer beinhaltet. Darüber hinaus bin ich Präsident des China-Clusters der European Union National Institutes for Culture. Mit dessen Projekten wollen wir Europa in China sicht­barer machen.

Welche Projekte plant das ÖKF derzeit?

Arnold Obermayr: Unser größtes ist eine Ausstellung im renommierten Times Art Museum Peking Ende September, die Alexandra Grimmer und ich kuratieren. Der österreichische Künstler Josef Ramaseder und die chinesischen Künstler Liang Shaoji und Feng Lianghong werden gemeinsam Arbeiten zeigen. Trotz der unterschiedlichen Techniken und ästhetischen Positionen kristallisieren sich einige gedankliche Parallelen und Herangehensweisen heraus.

Treffen bei der Begegnung von österreichischen und chinesischen Kunstschaffenden eher Gemeinsamkeiten oder Unterschiede aufeinander?
Arnold Obermayr: Beides! Ich verspüre häufig diese im besten Sinne naive Neugier an der Kultur der jeweils anderen. Interessanterweise kommen manche Künstler aus Österreich mit (zu) konkreten Vorstellungen, dass ihr Projekt auch im chinesischen Kontext funktionieren »muss«. Jeder trägt seinen soziokulturellen Rucksack.

Welches Bild sollte Österreich als Kunst- und Kulturland in, sagen wir, zehn Jahren repräsentieren?
Arnold Obermayr: Das Bild, das ich gern sehen würde, zeigt weiterhin ein weltoffenes, innovatives, kreatives, europäisches, selbstbewusstes, aber sich auch kritisch hinterfragendes Österreich, dessen kulturelle Impulse weit über seine Grenzen hinausgehen.

Artikel von Martina Zerovnik:

Martina Zerovnik, langjährige Mitarbeit und Projektleitung im Bereich Museumsplanung und Ausstellungsmanagement, seit 2012 freie Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Kuratorin, Texterin und Lektorin.


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