»Wir sind gewissermaßen Gastarbeiter«

Das Artist-in-Residence-Programm des Q21 im MuseumsQuartier Wien

Photo: Alexander Koller

Sie bleiben nie lang, hinterlassen aber Spuren: Wiens riesiges Kunstareal ist laufend von mehreren Artists in-Residence bewohnt. Neun Studios stehen Kunstschaffenden verschiedener Richtungen offen.
Weiße Wände, weißer Boden, weißes Sofa. Ein White Cube, ein geheimer Ausstellungsraum in einem versteckten Winkel des MuseumsQuartier? Nicht ganz. Vielmehr die temporäre Wohnung von Nikola Knezˇ evic´ . Der schma­le Rothaarige aus Belgrad hat hier schon Spuren hinterlassen: Eine Wand des mitten in den Raum gebauten großen, weißen Kubus ist mit Fotos beklebt. Bei einer zweiten stehen die Türen offen. Dahinter verbirgt sich eine Küchenzeile. »Tee oder Tomatensaft?«, fragt Knezˇ evic´ .
Durch die Fenster scheint die Sonne, der Blick fällt auf die Burggasse und das Volkstheater. Der Raum ist eines der Studios des Artist-in-Residence-Programms des MuseumsQuartier. Hier schläft man sogar kreativ, schließlich hat Heimo Zobernig das Bett designt. Für den weißen Kubus, in dem sich Küche und Bad verstecken, zeichnen BEHF Corporate Architects verantwortlich. Auch andere Studios wurden von Künstlern gestaltet: Helmut und Johanna Kandl sorgten mit Flohmarktmöbeln für Lokalkolorit, und das jüngste Studio konzipierte Valentin Ruhry in Kooperation mit der Galerie Christine König.
Im Zobernig-Zimmer hat also Nikola Knezˇ evic´ vorübergehend sein Lager aufgeschlagen. Der Künstler und Architekt lebt eigentlich in Amsterdam, ihn hat das Ausstellungsprojekt »AJNHAJTCLUB« anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Anwerbeabkommens Österreichs mit Ex-Jugoslawien nach Wien geführt. Gemeinsam mit dessen Kurator, dem Künstler Bogomir Doringer, will er das Phänomen Gastarbeiter näher erkunden. Aus der Ferne sehe man nur die Klischees, doch »hier kann man mit der Community in Verbindung treten«, sagt Knezˇ evic´ , Gerade war er in Simmering. »Man denkt anders, wenn man von dort zurückkommt.« Gezielt sind die beiden Künstler in der Stadt unterwegs, um herauszufinden, in welcher Form die damals entstandenen jugoslawischen Gastarbeitervereine heute noch existieren. Fazit: Es gibt sie noch, »und vielleicht sind sie der einzige Underground, den Wien überhaupt hat«. Aber auch zu seinem eigenen Künstlerdasein sieht er Parallelen. »Man könnte sagen, dass auch wir als Künstler in gewisser Weise Gastarbeiter sind.«
Für Bogomir Doringer ist es der zweite Aufenthalt als Curator-in-Residence im Q21. 2013 erlangte er mit seiner Ausstellung »FACELESS« international Beachtung. Sie ging dem Phänomen der unausweichlichen Wiedererkennbarkeit in den Medien und den daraus resultierenden Strate­gien der Medienbenutzer nach, gleichsam »gesichtslos« zu werden. »Niemand will mehr sein Gesicht zeigen, Privatheit wird zum Luxusgut«, sagt er. Kein Kurator habe sich allerdings damit auseinandersetzen wollen, weshalb er die Schau »FACELESS« selbst kuratierte.
Begonnen hat das Residence-Programm 2002 mit vier Studios, mittlerweile gibt es auf dem Areal des MuseumsQuartier neun Wohnungen. Mehr als 700 Künstler aus 67 Ländern haben hier einen Gastaufenthalt verbracht. Und die Zahl der Ateliers könnte weiter steigen: Denn in den Gebäuden längs des Rings liegen Wohnungen, in denen ganz normale Mieter leben. Manchmal, wenn eine dieser Wohnungen frei wird, wird ein weiteres Apartment eingerichtet.
Der dritte Serbe im Bunde an diesem Nachmittag ist Marko Stamenkovic´  – ein Theoretiker, der bedächtig formuliert und druckreif spricht. Er hat eines der Stipendien des Westbalkan-Schwerpunkts des Studioprogramms.
Er habe, sagt der Enddreißiger, »eine lange Geschichte von Künstler-Residencies« hinter sich, »aber diese hier ist die herausforderndste und inspirierendste.« Auch er hat sich mit dem Gedanken des »Displacement« auseinandergesetzt, mit dem Gefühl, fremd oder vertrieben zu sein. Freiwillig, als Artist-in-Residence. Oder unfreiwillig, als Geflüchteter.
Sein Thema ist die aktuelle Flüchtlingskrise, die er als eine Art Zeuge miterlebt, »aus einer speziellen Position heraus, die auch mein Privatleben einschließt«. Da geht es um Sehnsucht, um ökonomisches Ungleichgewicht, um die Frage, wie man dieses auf einer persönlichen Ebene ausgleichen kann – und darum, was Schiele mit all dem zu tun hat, den Stamenkovic´ im Leopold Museum ausgiebig studiert hat.
Denn auch das ist ein Aspekt des Artist-in-Residence-Programms: Im MuseumsQuartier lebt man nicht nur unter Gleichgesinnten, sondern auch mit dem Vermächtnis der großen Vorgänger. Und das Apartment, das Stamenkovic´ bewohnt, liegt just beim Leopold Museum, »diesem Heiligtum für Schieles Werk«. Auch Bogomir Doringer verbrachte hier viel Zeit und fand seinerseits endlich Zugang zur abstrakten Malerei. »In Amsterdam hat das nicht funktioniert, hier ging es plötzlich.«
Wie die drei Serben haben viele der Gastkünstler schon einige Residencies hinter sich: Sie sind Nomaden, die sich freiwillig dafür entschieden haben, aus dem Koffer zu leben und alle paar Wochen oder Monate in neuen Konstellationen zusammenzufinden, um allein oder gemeinsam, stets unter neuen Eindrücken, Kunst entstehen zu lassen – auch wenn sie das Nicht-zu-Hause-Sein nicht immer leicht finden. Früher, sagt Bogomir Doringer, sei es ein Privileg gewesen, wenn ein Maler nach Italien geholt wurde. Heute sei es auch eine Notwendigkeit; für die Künstler, »aber auch für die Kulturpolitik, für die jeweilige Kulturinstitution, die Stadt, das Land«. Durch das Versammeltsein an einem Ort würden etwa Ausstellungen möglich, »die sonst so nicht – oder nicht so schnell – zu schaffen wären«.
Das Apartment nebenan wird gerade vom schwedischen Klangkünstler BJ Nilsen bewohnt, den der Tonspur Kunstverein Wien eingeladen hat. Das MuseumsQuartier steht auch Künstlern offen, die sonst kaum Zugang zu solchen Programmen haben. Die Palette der Kunstrichtungen ist breit, sie reicht von bildender Kunst über Fotografie, Film, Mode, Design, Literatur, Konzeptkunst und Street Art bis hin zu Theorie, Klangkunst, digitaler Kultur, Game Culture, Comic Art und Medienkunst. Eine Vielfalt, die sich durch die gut 50 Institutionen erklärt, die im Q21 ansässig sind und die Artists-in-Residence (mit Partnern wie tranzit.org/ERSTE Stiftung) empfehlen, betreuen und von ihnen profitieren. »Gerade diese offene Konzeption und das breite Spektrum kultureller Praktiken sowie der direkte Austausch mit der Kulturszene vor Ort bilden die Grundlage für neue Projekte und Ideen«, sagt Elisabeth Hajek, die künstlerische Leiterin des Artist-in-Residence-Programms.
Die Gastkunstschaffenden sind auch unmittelbar erlebbar – im frei_raum Q21 exhibition space. Der Ausstellungsraum, beim Eingang Mariahilfer Straße gelegen, ist frei zugänglich und wird dreimal jährlich mit internationalen Gruppenausstellungen bespielt. Im Sommer 2016 widmete sich Kurator Bogomir Doringer in »AJNHAJTCLUB« wie erwähnt dem Thema »Gastarbeiter«. Die Herbst-Ausstellung mündet üblicherweise in die VIENNA ART WEEK. »What is left?«, haben sich dafür die Kuratoren Gülsen Bal und Walter Seidl gefragt – und auch hier spielt Migration eine Rolle. »Die Frage ist, wie nach Finanz-, Wirtschafts- und Migrationskrise der Status quo aussieht – und welche Lebensmöglichkeiten es noch gibt«, sagt Seidl. Bis in die 1970er- und 1980er-Jahre habe es noch Utopien gegeben. Seither ist viel passiert, auch Fehler. Neun Künstler, teils Artists-in-Residence, zeigen in der Ausstellung ab 23. September aktuelle »Failures« auf und fragen sich: »Worauf kann man in Zukunft noch blicken?«

Artikel von Teresa Schaur-Wünsch:

Teresa Schaur-Wünsch hat Anglistik und die Fächerkombination »Bühne, Film und andere Medien« studiert und ist Redakteurin bei der Tageszeitung »Die Presse« in Wien.


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