»Wie sehe ich die Welt? Was erzähle ich über sie?«

Geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung in Wien im Fokus

Michael Stampfer Photo: Marlene Rahmann

Der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Techno­logiefonds (WWTF) nimmt sich der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK) an. Mittels eines speziellen Impulsprogrammes werden deren Potenziale gehoben. Michael Stampfer, Direktor des WWTF, über Themen, Nutzen und Ergebnisse geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung.

Warum ist es Ihnen wichtig, die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften in Wien zu fördern?
Michael Stampfer: In Wien sind die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften in mehreren Forschungseinrichtungen gut verankert. Die Zahl herausragender Leute in einigen Bereichen lässt sich aber noch steigern. Wichtig ist, dass sowohl an den Unis als auch durch Einrichtungen wie uns mehr Dynamik hineinkommt. Dadurch können junge Leute schneller Karriere machen, der Zaun zwischen den Disziplinen wird geringer; und ohne dass die Auswahl der Projekte dadurch beeinflusst wird, dürfen Öffentlichkeit, Politik und Förderer auch Fragen stellen und Inspiration bieten, damit der gesellschaftliche dem wissenschaftlichen Wandel nicht zu sehr vorausläuft.

Wie werden die Themen für die Ausschreibungen aus­gewählt?
Michael Stampfer: Zum einen legen wir als Förderer sie fest. Der WWTF bezieht sein Geld überwiegend aus einer privaten Stiftung, aber einzelne Programme werden von der Stadt Wien mitfinanziert. Die Idee war, dass die Stadt gemeinsam mit uns identifiziert, welche Fragen für das städtische Zusammenleben und die Weiterentwicklung der Stadt interessant sind. Beim letzten Call haben wir die Frage nach öffentlichen Räumen in einer wachsenden Stadt gestellt, in der Freiräume kleiner werden, andere größer und wieder andere sich ins Digitale verlagern. Das sind Fragen, die die Stadt immens beschäftigen.

Ein anderer aktueller Schwerpunkt lautet Diversität – Identität.
Michael Stampfer: Genau, wir haben ihn bewusst nicht Migration genannt. Der entscheidende Punkt ist die Diversität in der Stadt, in welcher Form auch immer, das Auffinden und die Wertschätzung von Diversität.

Die Geisteswissenschaften müssen immer wieder um ihre Legitimation kämpfen. Wo sehen Sie ihr Potenzial? Warum lohnt es sich, in sie zu investieren?
Michael Stampfer: Die GSK sind wie die Wissenschaft insgesamt ein Teil unserer Kultur. Das Streben nach Erkenntnis ist etwas zutiefst Humanes. Zum anderen haben die GSK einen gewaltigen Nutzen. Ein Beispiel: Seit ein paar Jahren braucht man schon einen richtig dicken Magen, um Zeitungen, selbst Qualitätszeitungen, zu lesen. Es werden so viele aberwitzige Diskurse geführt, die von Angst und Verfolgungswahn gekennzeichnet sind. Irgendwo muss aber ein evidenz- und theorie­basiertes Narrativ entstehen. Wie sehe ich die Welt? Was erzähle ich über sie? Das können die GSK tun, wenn sie fit und alert und der Welt nicht abgewandt sind. Wir haben Projekte wie jenes über die Mehrsprachigkeit von aus afrikanischen Ländern Zugewanderten; daraus ergeben sich Ratschläge für gerichtliche Abläufe, was Sprachbarrieren betrifft. Das ist für mich ein einem Patent gleichzusetzendes Ergebnis.

PODIUMSDISKUSSION
»Wissenschaft für die Stadt.
Zum Thema Diversität in der Arbeitswelt und Gesundheitspolitik«
Mo., 14. Nov. 2016
18.30 Uhr
Wien Museum, Karlsplatz, 1040 Wien
In deutscher Sprache

Artikel von Daniela Fasching:

Daniela Fasching, geboren 1986 in Eisenstadt, hat in Wien und London (Royal Holloway) Anglistik und Kunstgeschichte studiert. Seit 2012 ist sie als Kunstvermittlerin und freischaffende Journalistin in Wien tätig. Sie arbeitet unter anderem im Bereich innovativer Museumspädagogik und befasst sich schwerpunktmäßig mit gesellschafts- und identitätspolitischen Themen in der bildenden Kunst.


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