Wie schön darf Kunst sein?

Anmerkungen zum Verhältnis von angewandter und bildender Kunst

Constantin Luser, Sofie Thorsen, Eva Schlegel and Christoph Thun-Hohenstein (f. l. t. r.) Photo: Marlene Rahmann

Angewandte versus bildende Kunst, Schönheit versus Hässlichkeit, analog versus digital: ein Gespräch mit MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein und den Kunstschaffenden Constantin Luser, Eva Schlegel und Sofie Thorsen über Grenzüberschreitungen, Störfaktoren und Obsessionen.

Mit der Moderne kamen die Emanzipation der Kunst und die Trennung von bildender und angewandter Kunst. Macht diese Teilung heute noch Sinn?
hristoph Thun-Hohenstein: Sie macht definitiv Sinn, obwohl es viele Grenzüberschreitungen gibt. Die bildende Kunst ist im Gegensatz zur angewandten Kunst frei und keiner Nützlichkeit unterworfen. Interessant ist, wenn sich beide Bereiche wechselseitig inspirieren. Das MAK lädt zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler als Impulsgeber ein, beispielsweise für die Präsentation von angewandter Kunst. Umgekehrt ist es uns wichtig, der bildenden Gegenwartskunst mit der reichhaltigen Sammlung für angewandte Kunst des MAK Anregungen zu liefern.

Herr Luser, Sie haben 2015 mit unterschiedlichen Objekten aus der historischen Sammlung Hofstätter gearbeitet, die angewandte und bildende Bereiche umfasst. Was hat Sie daran gereizt?
Constantin Luser: Für mich hatten einige Objekte aus der Sammlung Hofstätter eine starke Aura. Ich habe mich besonders für Bruchstücke und kaputte, ausrangierte Stücke interessiert und Dinge ausgesucht, die auf mich eine besonders große Inspirationskraft ausübten. Dies reichte vom Gehäuse einer Standuhr über ein Uhrpendel bis zu den abgebrochenen Händen einer barocken Skulptur. Die Teile waren einerseits Ausgangspunkt und andererseits wegweisend für meine künstlerische Herangehensweise. Das Fragmentarische, das in diesen »gefundenen Objekten« angelegt ist, passt gut zu meinem Verarbeitungsprozess des Schweißens und Lötens, den ich in meinen »Objektzeichnungen«, Collagen aus Messing, verfolge. Aus dem Zusammenfügen von vielen Einzelteilen entstanden so wieder »ganze« Kunstwerke.

Welche Bedeutung hat für Sie, Sofie Thorsen, die angewandte Kunst als Ausgangspunkt Ihrer Arbeit?
Sofie Thorsen: Mich interessieren Objekte aus den Bereichen Architektur und Design, die dann die Rolle des künstlerischen Materials im weitesten Sinne annehmen. Oft sind es Dinge, die gar nicht mehr existieren, so arbeite ich dann mit fotografischen Abbildungen und Vorlagen. Manchmal ist die Verbindung jedoch viel loser und es kann ein Detail einer Zeichnung, eine bestimmte Farbigkeit oder eine Oberflächenbeschaffenheit sein, die mich interessiert.

Können Sie ein aktuelles Beispiel nennen?
Sofie Thorsen: Ja, es gibt eine Reihe von japanischen Paravents, mit denen ich gegenwärtig arbeite. Mich inspirieren insbesondere bestimmte Themen wie das Hängen eines Textils oder Leerstellen in der Ausführung, die ich in abgewandelter Form in eine eigene Arbeit einbaue. Objekte stellen manchmal auch Fragen, die mich zu neuen Fragen anregen. Das mag ich.

Die Liebe zum Gegenstand und der Impuls zum Sammeln unterscheiden nicht zwischen angewandter Kunst und Alltagsgegenstand. Eva Schlegel, wie stehen Sie zum Sammeln?
Eva Schlegel: Seitdem ich mich mit Kunst beschäftige, begleitet mich das Sammeln. Anfänglich habe ich mit befreundeten Künstlern getauscht. Zudem stoße ich immer wieder auf Dinge, die in mir großes Interesse wecken. Ein Beispiel sind die Zeichnungen von Claude Joseph Vernet, der die ganze Flotte von Ludwig XV. porträtiert hat. Ich habe in meiner Kunst außerdem häufig mit erotischen Vorlagen gearbeitet. In diesem Zusammenhang habe ich natürlich auch gesucht, wer in diesem Feld arbeitet, und so erstand ich einen Vintage-Print von Peter Hujar aus dem Jahr 1976. Er zeigt einen Mann arabischer Herkunft in einem leeren Raum auf einem Sessel mit einem riesigen erigierten Penis. Dieses friedvolle Bild bekommt in der aktuellen Zeit eine ganz neue Bedeutung.

Herr Thun-Hohenstein, Sie haben sich selbst einmal als mentalen Sammler bezeichnet. Was verstehen Sie darunter? Christoph Thun-Hohenstein: Was mich interessiert, ist das Sammeln von Projekten und Ideen. Das ist etwas, was mich auch in meiner Funktion als Direktor eines Museums antreibt. Ich lote auch gerne genreüberschreitende Formate aus. So habe ich eine Reihe von Projekten gemacht, in denen Musik, etwa von Gustav Mahler, live und auf DVD visualisiert wurde.

Der Begriff der Schönheit, die heuer zum Thema der VIENNA ART WEEK gemacht wurde, ist in der bildenden Kunst umstritten, in der angewandten Kunst dagegen eher gebräuchlich. Wie schön darf Kunst sein?
Sofie Thorsen: Schönheit ist für viele Künstler ein ambivalenter Begriff. Ich versuche in der Ausführung schön zu arbeiten. Und dennoch gibt es in meinen Produktionen meistens einen Teil, der nicht kontrollierbar ist. Ohne das Zufällige gibt es keine Überraschung. Außerdem muss für mich die Stimmigkeit des Konzepts bestehen, sonst wird die Kunst hübsch und nicht schön. Wichtig ist mir ein kontinuierliches Arbeiten sowohl an konkreten Materialien als auch am Konzept. Ein Professor hat am Beginn meiner Studienzeit zu mir gesagt, dass man nicht aufhören dürfe zu arbeiten, da das Material für einen denke. Ich finde, das ist eine wunderschöne Formulierung!

Welche Rolle spielt die Schönheit in Ihrer Kunst?
Constantin Luser: Im Büro für Raumzeichnung arbeiten wir nach strengen ästhetischen Prinzipien. Das präzise Aneinanderfügen von Details geschieht bei mir unter dem Vorzeichen des Strebens nach Schönheit.

Andersherum gefragt: Eva Schlegel, ist das Hässliche in Ihrer Kunst von Bedeutung?
Eva Schlegel: Es gibt in der Gesellschaft einen Entwicklungsstrang, in dem es um die Optimierung von Arbeitsabläufen etc. geht. Das gilt für die Genforschung ebenso wie für ganz alltägliche Dinge. Dabei werden Störfaktoren wie das Nichtperfekte, das Hässliche und das Kranke, die ich als Potenziale der Evolution begreife, eliminiert. Schönheit ist immer auch etwas Zeitgebundenes, eine gesellschaftliche Konvention, die sich innerhalb kultureller Kontexte ändert.
Christoph Thun-Hohenstein: Für mich ist Schönheit das Gegenteil der Perfektion der Algorithmen. Je mehr wir »digitale Schönheit« im Alltäglichen erleben, desto mehr werden wir uns nach jenem, das unvollendet, nach landläufigen Parametern sogar hässlich, vielleicht aber einfach nur anders ist, sehnen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass das Digitale eine aus dem Inneren strahlende Schönheit hervorbringen kann. Für mich bleibt die Virtualität jedoch dort interessant, wo sich Menschliches und Maschinelles verbinden.

An einem Haus der angewandten Kunst muss man das Verhältnis von Digitalem und Analogem immer wieder von Neuem bestimmen. Momentan hat sich die sogenannte Post-Internet-Kunst breit gemacht. Was halten Sie davon?
Christoph Thun-Hohenstein: Den Begriff lehne ich ab. Wir sollten den Ausdruck »digitale Moderne« verwenden, in der wir aktuell leben. Die Auswirkungen des Digitalen sind mindestens so groß wie jene der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Was früher Jahrhunderte gebraucht hat, um sich zu verändern, geht heute blitzschnell.

Constantin Luser, in Ihrer Arbeit gibt es so etwas wie ein obsessives Kunstmachen, was sehr stark an den analogen Herstellungsprozess gebunden ist. Empfinden Sie Ihr Arbeiten als rauschhaft?
Constantin Luser: Ja, aber es gibt auch etwas sehr Kontrolliertes. Es hängt stark von der jeweiligen Tätigkeit ab, die ich gerade verrichte. Das Zeichnen würde ich beispielsweise als rauschhafter bezeichnen als das Löten. Der Wechsel zwischen den Medien macht beides interessanter.
Eva Schlegel: Für mich ist der Flow während des Arbeitens sehr wichtig. Alles zu vergessen und sich in der Arbeit zu verlieren war für mich ausschlaggebend dafür, Künstlerin zu werden.

Artikel von Angela Stief:

Angela Stief, geboren 1974 in Augsburg (D). Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Von 2002 bis 2013 Kuratorin der Kunsthalle Wien. 2014 gründete sie die Temporäre Halle für Kunst in Linz. Sie lebt und arbeitet als selbstständige Kuratorin und Publizistin in Wien.


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