Was kann Architektur zum guten Leben beitragen?

Die designierte Az W-Direktorin Angelika Fitz über den Lebenskosmos Stadt

Angelika Fitz Photo: Marlene Rahmann

Am 1. Januar 2017 wird Angelika Fitz dem Az W- Gründer Dietmar Steiner als Direktorin nachfolgen. Die DNA des Architekturzentrum Wien, sagt sie, werde sie auf jeden Fall beibehalten. Und sie träumt von einem Reallabor für Museumsmuffel, Experimentalisten und Alltagsexperten.

Am 1. Jänner startet Ihr neuer Job. Wie geht es Ihnen damit?
Angelika Fitz: Mir geht’s super. Das Architekturzentrum Wien gehört europa-, ja sogar weltweit zu den spannendsten Architekturhäusern. So eine Institution zu leiten ist ein großes Privileg.

Was macht das Az W so besonders?
Angelika Fitz: Die Herangehensweise. Im Az W werden nicht nur einzelne Häuser und Architekten präsentiert, sondern alle materiellen und immateriellen Aspekte der gebauten Welt – mit all ihren sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren. Diese Einbettung von Architektur in einen gesellschaftlichen Kontext ist das, was das Az W seit Anbeginn auszeichnet.

Die Stadt als Lebenskosmos ist eines der Themen, mit denen Sie sich intensiv auseinandersetzen. Wird sich diese jahrelange wissenschaftliche Beschäftigung auch im künftigen Programm des Az W niederschlagen?
Angelika Fitz: Auf jeden Fall. Mich interessiert die Stadt als Lebenskosmos, wie Sie sagen, aber auch als solidarischer Raum, als Hort einer städtischen Demokratie, als Bühne für unterschiedliche Akteure und für unterschiedliche Entwicklungen von Bottom-up-Prozessen bis hin zu großen Strukturen – wobei die Schwierigkeit vor allem in den Schnittstellen liegt. Angesichts der Zunahme der urbanen Weltbevölkerung ist der Umgang mit dem städtischen Raum eine der größten Herausforderungen für die kommenden Jahrzehnte. Daran führt kein Weg vorbei.

In Ihrer Forschungsarbeit wenden Sie immer wieder den Begriff des Urban Citizenship an. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Angelika Fitz: In einer Zeit der großen politischen und ökonomischen Veränderungen – Stichwort Neoliberalismus, aber auch Migration und Vertreibung – beobachte ich, dass der Stadt als Identitätsort mehr und mehr Bedeutung zukommt. In der Kulturtheorie spricht man von Urban Citizenship. Das heißt: Während der Begriff des Bürgers ab dem 19. Jahrhundert mit dem Nationalstaat verknüpft war, erleben wir in unseren Städten aktuell eine multinationale Bürgerschaft. Vielleicht wird es in Zukunft die Stadt sein, die uns als Heimat dienen wird. Wir werden vom Staatsbürger zum Stadtbürger.

Und worauf konkret wird sich die Stadt der Zukunft vorbereiten müssen?
Angelika Fitz: Auf die Anforderungen einer kulturell vielfältigen, einer gerechten, sozialen Gesellschaft, die außerdem sorgsam mit ihren Ressourcen umgeht. Schon heute gibt es viele Städte, die sich durch steigende soziale Ungleichheit auszeichnen. Beispiele dafür gibt es genug. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Stadt zu einer Stadt für alle machen können.

Wien zählt zu den lebenswertesten Städten der Welt. Ist Wien eine gerechte Stadt?
Angelika Fitz: Wien schneidet in internationalen Rankings nicht umsonst so großartig ab. Wien hat eine hohe Versorgungsqualität – was Wohnbau, Arbeitsplätze, Mobilität und kulturelle Angebote betrifft. Das heißt aber auch, dass Wien bereits eine sehr fertige, eine sehr etablierte Stadt ist. Für einen neuen Begriff des Gemeinsamen bedarf es aber eines klaren Schnitts mit den Gewohnheiten. Es bedarf eines Neudenkens in Fragen der Mitgestaltung von Stadt. Es braucht breit gestreute Möglichkeiten für Eigeninitiative, um sich als Bürger, als Bürgerin selbst in die Stadtentstehung einbringen zu können.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?
Angelika Fitz: Wir können aktuell von Städten in Südeuropa lernen, die kaum noch Geld haben und plötzlich auf Eigeninitiative angewiesen sind. Lissabon war schon vor der Finanzkrise 2008 extrem knapp bei Kasse. Große Stadtentwicklungs- und Revitalisierungsprojekte, die dringend anstehen, kann man sich kaum mehr leisten. Und so hat die Stadt rund 30 Krisengebiete definiert, in denen man sich als Stadtbürger sehr niederschwellig – ein Konzeptpapier auf A4 reicht dafür schon aus – um die Förderung eines Kleinprojekts mit Bezug zum öffentlichen Raum bewerben kann.

Wie wurde das von der Bevölkerung aufgenommen?
Angelika Fitz: Unter den bewilligten Projekten befinden sich welche, die ganz kleine, aber präzise kulturelle Impulse geben, ebenso wie Parkumgestaltungen in einem Umfang von bis zu 50.000 Euro. In Summe sprechen wir hier von einem Gesamtbudget von bis zu zwei Millionen Euro pro Jahr. Die realisierten Projekte werden jedes Jahr evaluiert und bei Erfolg weiter finanziert. Wenig Geld, viel Engagement. Die Ergebnisse sind großartig.

Wäre so eine Initiative auch in Wien denkbar?
Angelika Fitz: Es wäre schön, würde die Politik einer­- seits ihre stadtplanerische Verantwortung entschieden wahrnehmen und andererseits neue Formen der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen etablieren – und zwar weit über Partizipation hinaus. Wien wächst um 30.000 bis 40.000 Einwohner pro Jahr. Was steht uns bevor? Angelika Fitz: Ohne neue Schnittstellen zwischen Top-down und Bottom-up und ohne eine verstärkte funktionale Durchmischung der Quartiere wird es nicht gehen. Ich hoffe, dass die Internationale Bauausstellung (IBA), die gerade startet, einiges an integrativen Wohn- und Lebensmodellen, aber auch an neuen Planungsprozessen und -verfahren mit sich bringen wird.

Der 1. Januar 2017 kommt bald. Haben Sie schon Pläne für die Weiterentwicklung des Az W?
Angelika Fitz: Dietmar Steiner hinterlässt ein hervorragendes Haus, und ich möchte die von ihm geprägte DNA des Az W auf jeden Fall beibehalten. Daran besteht kein Zweifel. Zugleich denke ich, dass eine weitere Öffnung nötig ist. Architekturbücher und Architekturmuseen haben bis heute das Problem, dass sie sich in erster Linie an Architekten richten. Das ist einerseits schön, andererseits aber auch schade, weil sich viele andere potenziell Interessierte dadurch nicht angesprochen fühlen. Ich würde das Az W gerne einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Und wie?
Angelika Fitz: Ich möchte Architektur und Stadt durch die Brennlinse der großen Themen unserer Zeit betrachten. Und die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer soll nicht zu kurz kommen. Es gilt, immer wieder die Basisfrage zu stellen: Was kann Architektur zum guten Leben beitragen? Eine mittelfristige Vision wäre, dass sich das Az W auch zu einer Art Reallabor entwickelt, zu einem Initiator und Begleiter für Pilotmodelle und Experimente.

Sie waren bisher als Kuratorin im Architektur- und Kulturbereich tätig und haben auch schon international unterrichtet. Was davon werden Sie in Zukunft vermissen?
Angelika Fitz: Ich leite derzeit ein funktionierendes, ausgelastetes Büro. Und seit Monaten bin ich damit beschäftigt, dieses Büro runterzufahren und aufzulösen. Das ist auch ein trauriger Prozess. Aber ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas vermissen werde. Ganz im Gegenteil. Ich freue mich darauf, meine Arbeit als Forscherin, Kuratorin und Organisatorin in Zukunft mit dem groß­artigen Team des Az W teilen zu können.

Artikel von Wojciech Czaja:

Wojciech Czaja, geboren 1978 in Ruda Śląska, Polen, arbeitet als freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u. a. für »Der Standard«. Er ist Autor zahlreicher Bücher, u. a. »Zum Beispiel Wohnen« (2012), »Das Buch vom Land« (2015) und »Überholz« (2016). Außerdem lehrt er als Dozent an der Universität für angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet Kommunikation und Strategie für Architekten.

Angelika Fitz, 1967 in Hohenems geboren, studierte Literaturwissenschaft in Innsbruck und gründete 1998 ein eigenes Büro als Kuratorin und Kulturtheoretikerin in Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen kuratorische Projekte an der Schnittstelle von Architektur, Kunst und Urbanismus. Zwischen 1998 und 2005 hat sie mehrere Projekte im südasiatischen Raum realisiert. 2003 und 2005 war sie Kommissärin für den österreichischen Beitrag zur Architekturbiennale São Paulo. Zuletzt kuratierte sie die Ausstellungen »Generationenstadt« und »Realstadt« sowie die internationalen Plattformen »We-Traders. Swapping Crisis for City« und »Weltstadt. Who creates the city?«.


Share your selection:
Add event to selection