Was es (nicht) braucht für die Kunst

Gabriele Rothemann über die Ausbildungsmöglichkeiten für künstlerische Fotografie in Wien

Gabriele Rothemann Photo: Jorit Aust

2018 feiert die Universität für angewandte Kunst Wien ihr 150-jähriges Jubiläum. Unter den heute angebotenen 32 Studienrichtungen findet sich seit 2001 das Fach Fotografie am Institut für Bildende und Mediale Kunst. Ein Gespräch mit Gabriele Rothemann, Professorin für künstlerische Fotografie, über die Facetten des fotografischen Mediums, das Studieren in Wien sowie die Notwendigkeit von Brachen im urbanen Raum.

Wie hat sich der Unterricht an der Abteilung für künstlerische Fotografie im Laufe der Jahre verändert und wie sieht das Studium an der Angewandten heute in der Praxis aus?
Gabriele Rothemann: 2001 wurde ich an die Universität für angewandte Kunst Wien berufen, um die Abteilung zu etablieren. Die schon existierende Werkstätte wurde dem Lehrstuhl zugeordnet, und die dort arbeitenden Kolleginnen und Kollegen bildeten mit mir ein Team, das diese neue Klasse aufbaute. Zunächst musste natürlich viel improvisiert werden, nach vier Jahren erhielten wir neue Räumlichkeiten. Der Lehrplan, der auf dieses neue Studium angewendet wurde, war jener für bildende Kunst, er wurde im Laufe der Zeit immer wieder angepasst. Das Studium hat sich über die Jahre grundsätzlich nicht geändert, man kann aber, wie unsere neue Publikation »Bilding. Fotografie an der Angewandten« zeigt, feststellen, dass unsere Aktivitäten immer komplexer und vielfältiger wurden.

Inwiefern finden die »Neuen Medien« in der Ausbildung Berücksichtigung?
Gabriele Rothemann: Die »Neuen Medien« werden selbstverständlich neben allen analogen Medien verwendet. Die Abteilung für künstlerische Fotografie versteht sich als Ort der Forschung, an dem neue künstlerische Wege auch durch die Kombination der Medien erprobt werden. Unser erstes Diplom war zum Beispiel eine Videoinstallation, die auf einem fotografischen Blick basierte.

Seit dem Wintersemester 2014 gibt es an der Ange­wandten die neue Studienrichtung »Angewandte Fotografie und zeitbasierte Medien«. War die Gründung dieses Studiums für Sie nachvollziehbar oder sogar notwendig, und wenn ja, warum?
Gabriele Rothemann: Die neue Studienrichtung wurde auch mit meiner Unterstützung aus der Erkenntnis heraus eingerichtet, dass es in Österreich großes Interesse von jungen Menschen an dieser Ausrichtung gibt. Fotografie ist ja bekanntlich ein vielfältiges Medium, das in verschiedene Richtungen erforscht werden kann. Es ist ein großer Gewinn für die Angewandte und für das Land, dass dieser Lehrstuhl, den Matthias Koslik innehat, geschaffen werden konnte.

Sie spielen hier bestimmt auch darauf an, dass klassische Kategorien, wie etwa die Porträtfotografie, nun unterrichtet werden können …
Gabriele Rothemann: … zum Beispiel, aber auch die Mode- oder journalistische Fotografie. Bisher gab es in Österreich keinen Ort, wo man diese »Kategorien« studieren konnte, insofern hat die Angewandte einen tatsächlichen Bedarf abgedeckt.

Könnte man im Unterschied dazu das Studium bei Ihnen absolvieren, ohne jemals eine Kamera in Händen gehalten zu haben?
Gabriele Rothemann: Theoretisch ja, auch in der Malerei müssen Pinsel nicht notwendigerweise verwendet werden. Ich würde niemandem vorschreiben, wie die eigene Entwicklung zu verlaufen hat; alle Studierenden haben eine eigene Persönlichkeit – das ist die Voraussetzung. Anhand der jeweiligen Persönlichkeit ergibt sich der Umgang mit dem Medium. Zugleich steht natürlich die Fotografie im Zentrum des Studiums. Wir haben eine sehr gute Ausstattung und alle Möglichkeiten, dieses Medium in der Praxis – analog und digital – zu verwenden. Und die Studierenden nutzen selbstverständlich dieses Angebot.

Wenn Ausstellungsbeteiligungen heute einen so wichtigen Stellenwert im Studium einnehmen, gibt es dann auch gemeinsame Projekte mit den bei Matthias Koslik Studierenden?
Gabriele Rothemann: Ja, von Mitte August bis Anfang September fand eine gemeinsame Ausstellung parallel zum Forum in Alpbach statt. Rektor Gerald Bast ist Teil des Gremiums Forum Alpbach und hat das Projekt »Neue Aufklärung« mitinitiiert. Thema der Ausstellung war die Aufklärung im heutigen Kontext. Zu diesem Thema entwickelten die Studierenden Werke, die in Alpbach im Innen- und Außenraum ausgestellt wurden. Der Grund, die beiden Fotografie-Klassen gemeinsam zu präsentieren, war jedoch weniger, die Unterschiede der Studiengänge zu thematisieren, als vielmehr die gesamte Fülle zu zeigen.

Gibt es Berührungspunkte zwischen Ihrer Abteilung und dem von Martin Guttmann geleiteten Fachbereich »Kunst und Fotografie« an der Akademie?
Gabriele Rothemann: Ich gehe gerne zu den Rundgängen und führe Freunde und Interessierte ins Semperdepot; es gibt aber derzeit keinen permanenten Austausch. 2014 wurde vom Verbund die gemeinsame Ausstellung »Unter Strom« organisiert. Es wäre schön, die Kommunikation zu intensivieren.

In Summe gesehen gibt es in Wien ein breites Lehrangebot. Welche Unterschiede beobachten Sie bei den einzelnen Ausbildungsstätten zum Schwerpunkt Fotografie?
Gabriele Rothemann: Die Ausbildung an der von Friedl Kubelka gegründeten Schule für künstlerische Fotografie zum Beispiel dauert ein Jahr, dort entstehen viele interessante Projekte. Die Teilnehmenden gehen danach oft auf Kunsthochschulen. Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt wiederum ist angewandt orientiert und berufsbezogen.

Wie empfinden Sie das kulturelle Angebot in Wien generell – ist die Stadt gut aufgestellt?
Gabriele Rothemann: Die Stadt entwickelt sich auf hohem Niveau und ist sehr lebendig. Was die Menschen, die im kulturellen Kontext arbeiten, hier geleistet haben, ist enorm.

In welchen Städten Europas beobachten Sie eine ähnliche kulturelle Vielfalt?
Gabriele Rothemann: Es gibt viele Orte: Paris, Berlin … Überhaupt haben alle großen Städte in Europa ein reiches Angebot, vor allem auch London. Es ist ein Drama, dass die Briten für den Brexit gestimmt haben. Ich setze mich für die völkerverbindende und bereichernde europäische Idee ein – auch bei den Ausbildungen.

Wie stehen Sie dann zum Bologna-System?
Gabriele Rothemann: In Bezug auf Kunstausbildungen ist es schwer umzusetzen, da es zu verschult ist. Ich bin für eine Ausbildung mit einem künstlerischen Schwerpunkt, die den Studierenden die Möglichkeit gibt, ein Werk zu schaffen, das ihnen entspricht. Ein akademischer Titel ist meiner Ansicht nach nicht wichtig. Wichtig ist, die Zeit und die Unterstützung zu haben, ein eigenes Werk im Bereich der zeitgenössischen Kunst zu etablieren.

Wenn man heutzutage einen PhD anstrebt, dann ist die Zulassung an einer internationalen Universität mit einem global anerkannten Titel bestimmt einfacher.
Gabriele Rothemann: Vermutlich schon. Vor einiger Zeit noch hat man als Künstler oder Künstlerin nicht darüber nachgedacht, einen PhD zu machen: Man hat nicht auf das System, sondern auf die eigene Arbeit vertraut.

Was würden Sie sich für die Zukunft für den Wiener Standort wünschen? Sehen Sie irgendwo Aufholbedarf?
Gabriele Rothemann: Wien hat keine Brachen. Es gibt in Wien generell wenig ungenutzten Raum. Jeder Zentimeter wird vermietet oder verkauft. Ich würde mir wünschen, dass der Staat kein Volkseigentum privatisiert, wie es schon so oft passiert ist – etwa beim Telegraphenamt, das ein wunderbarer Ort für eine Kunsthochschule gewesen wäre; oder bei der Postsparkasse, dem alten Patentamt, der alten Bank Austria am Hof und der Alten Post. Es sollte klar sein, dass diese Orte Eigentum des Volkes sind, die auch in Zukunft staatlichen Institutionen dienen sollen und nicht privaten, gewinnorientierten Interessen zum Opfer fallen dürfen.

Artikel von Nela Eggenberger:

Nela Eggenberger, Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2013 Chefredakteurin von »EIKON«, zuvor diverse redaktionelle Tätigkeiten (u. a. für »EIKON«, mumok, »frame«). Herausgeberin von »5 x 5. Photo Tracks« (2016) mit Beiträgen von Abigail Solomon-Godeau, Urs Stahel u. a., Kuratorin der Ausstellungen »Pas de Deux« im KUNST HAUS WIEN (2015) und, gemeinsam mit Gregor Ecker, »FRAGILE« in der BAWAG P.S.K. Contemporary (2013).


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