Vom Barock bis in die Gegenwart

Belvedere-Werkverzeichnisse

Alfred Weidinger

Als Kompetenzzentrum für die Erforschung und Bewahrung österreichischer Kunst dokumentiert das Belvedere zunehmend Nachlässe österreichischer Künstler. Einen Schwerpunkt nimmt die Publikationsreihe der Belvedere-Werkverzeichnisse ein. Ziel ist es, die Œuvres österreichischer Künstler vom Barock bis in die Gegenwart aufzuarbeiten.

»Das Erstellen von Werkverzeichnissen ist essenzielle Grundlagenforschung, die der Intention unseres Research-Centers entspricht«, so Alfred Weidinger, Vizedirektor des Belvedere. »Im Hinblick auf das vielfältige Ausstellungsgeschehen kommt dieser Arbeit besondere Bedeutung zu. Denn eine Ausstellung kann sich nur auf wenige Facetten des künstlerischen Schaffens fokussieren, ein Werkverzeichnis hingegen hat unter Umständen mit dem gesamten Leben eines Künstlers zu tun. Daher arbeiten wir intensiv an den Biografien und entfalten ein dichtes interdisziplinäres Netzwerk, was die Basis für spätere kritische Kommentare zu einzelnen Werken und Werkgruppen liefert. Wir versuchen den Künstler vor allem auch als Mensch und in seinem persönlichen Umfeld zu begreifen, seine Denkprozesse zu verstehen. Erst die Zusammenführung seiner Biografie mit seinem Werk, der Rezeption und der Einbeziehung der Zeitgeschichte ermöglicht es, das Schaffen eines Künstlers in zeitgemäßer Weise zu charakterisieren. Heute klingt das selbstverständlich. Die den Künstler in den Himmel hebende klassische Kunstgeschichte hat diese Vorgehensweise jedoch lange Zeit negiert.«

Das erste Werkverzeichnis des Belvedere wurde von Sabine Grabner über den österreichischen Maler und Grafiker der Biedermeierzeit Josef Danhauser erstellt. Seitdem erschienen unter anderem Werkverzeichnisse zu Herbert Boeckl, Anton Romako, Josef Danhauser, Carry Hauser, Hans Makart, Franz Xaver Messerschmidt – und erst kürzlich jenes zu Marc Adrian von Dieter Bogner, Cornelia Cabuk, Olaf Moeller und Harald Krejci. Die Entscheidung, welches Künstler-Œuvre aufgearbeitet wird, hat vor allem mit dem Potenzial im Museum zu tun. »Unsere Kuratoren besitzen Spezialwissen in verschiedenen Bereichen, und das gilt es zu nutzen. Die Werkverzeichnisse stehen nicht im Zusammenhang mit finanziellen Interessen oder geplanten Großausstellungen, sondern allein im Dienst einer wissenschaftlichen Werkaufarbeitung der österreichischen Kunst.« Die Liste der finalisierten und geplanten Werkverzeichnisse ist lang und könnte gerade in Bezug auf die Desiderate noch verlängert werden, »auch wenn die Finanzierbarkeit stets eine große Herausforderung darstellt«. Das Institut für die Erstellung von Werkverzeichnissen wurde vom DOROTHEUM als Sponsor iniitiert, dem die Auf­arbeitung und Dokumentation von Künstler-Œuvres ein besonderes Anliegen ist. Durch den Sponsoring- Beitrag des DOROTHEUM konnten seit 2015 fünf Werkverzeichnisse erstellt werden.

Mit der Arbeit an den aktuellen Werkverzeichnissen geht das Belvedere einmal mehr neue Wege, indem diese zunächst online gestellt werden. Erstes Beispiel dafür ist das 300 Gemälde und mehrere tausend Zeichnungen umfassende Werkverzeichnis des steirischen Künstlers Alfred Wickenburg, das Lucia Beck erarbeitet. »Der Gemäldekatalog ist in diesem Fall überschaubar und nach der Veröffentlichung in digitaler Form auch als Buch publizierbar. Die Fülle der Zeichnungen bedeutet allerdings einen großen Arbeitsaufwand und hohe Kosten. Daher werden die Zeichnungen nur online – und bewusst auch durchaus unvollständig – veröffentlicht. Dies bringt eine unmittelbarere Verfügbarkeit der Daten mit sich, an denen Sammler, Kunsthändler und Wissenschaftler interessiert sind. Während die Gemälde eine definitive Werkverzeichnisnummer erhalten, arbeiten wir im Bereich der Zeichnung vorerst mit provisorischen Nummern und teilen die Dokumentation mit der Online-Community. Wir fordern sie so gewissermaßen auf, mit unseren Forschern zu interagieren. Irgendwann kommt der Moment, an dem wir die Recherchen weitgehend abgeschlossen haben werden und Datierungsfragen geklärt sind. Erst dann wird eine definitive Werkkata­lognummer vergeben. So werden wir das auch mit dem Werkverzeichnis von Tina Blau-Lang handhaben, das Markus Fellinger und Claus Jesina erstellen.«

Artikel von Silvie Aigner:

Silvie Aigner, Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, Postgraduate-Studium für kulturelles Management an der Donau-Universität Krems. Doktorat am Institut für Kunstwissenschaften, Universität für angewandte Kunst Wien. Arbeitet als Autorin und Kuratorin vorwiegend im Bereich zeitgenössischer Kunst für internationale und österreichische Museen und Sammlungen. Seit Mai 2014 Chefredakteurin der Kunstzeitschrift »PARNASS« (www.parnass.at).


Share your selection:
Add event to selection