Seeking Beauty

Auf der Suche nach dem Schönen

Orlan, 4th Operation-Surgery-Performance titled Successful Operation, Printing lips on paper, Cibachrome, 1991 Copryright: Courtesy of the artist

Ist Kunst eine Praxis der Entdeckung des Schönen, wo wir es nicht erwarten würden? Welche Kriterien definieren das Schöne als solches, bestimmen den gegenwärtigen Schönheitskanon? Welchen kulturell wandelbaren Bedingungen unterliegt er? Unter dem Motto »Seeking Beauty« befasst sich die diesjährige VIENNA ART WEEK mit der Ambivalenz des Schönen.

2.500 Jahre lang stellten sich westliche Philosophiegeschichte und Ästhetik von Aristoteles über Immanuel Kant, René Descartes, Alexander Gottfried Baumgar- ten, Friedrich Nietzsche, Marcel Proust, Theodor W. Adorno, Roland Barthes und Hannah Arendt bis Susan Sontag, Judith Butler oder Elisabeth Bronfen Fragen, wie sie eingangs aufgeworfen werden.

Der in diesem Kontext derzeit wiederentdeckte Philosoph Alexander Gottfried Baumgarten wies in seiner Publika- tion »Aesthetica« (1750/1758) den Sinnen ein eigenes Urteilsvermögen durch den Geschmack zu. Die Philoso- phin Hannah Arendt warf engagiert die Frage auf, wel- chen Beitrag die Ästhetik und das Urteil über das Schöne zu einer politischen Ethik leisten könnten. Der Semioti- ker, Philosoph und Schriftsteller Umberto Eco sprach vom »Polytheismus der Schönheit« – jenen tausenden Spielformen des Schönen, mit denen wir quer durch die Kulturgeschichte heute konfrontiert sind. In seiner »Geschichte der Schönheit« (2004) zeigte er deren Vielfalt auf. Neben dem Mainstream und den Wertvorstellungen, die ihn bestimmen, existierte aber immer auch anderes, Abweichendes und Konträres.

»Zu schön, um wahr zu sein«, besagt eine Redewendung, die das Schöne sowohl mit der Wahrheit als auch mit dem Schein in Verbindung bringt. Man erinnere sich an Oscar Wildes Roman »Das Bildnis des Dorian Gray« (1890) – das darin behandelte Versprechen ewiger Jugend durch Schönheit zählt bis heute zu den eindrucksvollsten litera- rischen Motiven. Im Missbrauch des Schönen durch Propaganda und Macht wird auch ein Panorama des Widrigen sichtbar. Während die Künstlerinnen und Künstler der Avantgarde danach trachteten aufzubegeh- ren, sich dem Abgründigen, der dunklen Seite des Schö- nen zuwandten, werden heute von Kunstschaffendenwie der Performancekünstlerin Marina Abramovic ́ Schönheitsoperationen am eigenen Körper durchgeführt. Ist Schönheit ein Glücksversprechen? Weshalb werden Gefahren der Schönheitsnormierung ausgeblendet?

Mit seinem 2015 erschienenen Buch »Die Errettung des Schönen« sorgt der in Berlin lebende südkoreanisch- deutsche Philosoph Byung-Chul Han für rege Diskussi- onen. Aktuelle Social-Media-Trends aufgreifend, finden sich darin kritische Diagnosen und Metaphoriken wie »Die Selfie-Sucht verweist auf die innere Leere des Ichs«. Im digitalen Heute habe, so Byung-Chul Han, nichts Bestand; »Likes« dirigierten die Sucht nach Wohlgefal- len und Gefälligkeitshandlungen. Wird Schönheit heute als Waffe zur lückenlose Überwachung verwendet, der wir kaum Widerstand entgegenbringen, uns vielmehr einer freiwilligen Selbstausleuchtung und Selbstentblö- ßung aussetzen? Das Glatte charakterisiere laut Byung- Chul Han unsere neoliberale Gegenwart und beschleuni- ge reibungslos unsere Kommunikation und den Informationstransfer. Überlegungen zum Schönen – nicht zur Schönheit – und die Suche danach bilden für ihn den Zündstoff seiner Zeitdiagnose zur gegenwärtigen Psychopolitik. Han kommt zum Fazit, dass an die Stelle einer Ambivalenz des Schönen das Gefällige und Glatte trete; er setzt die aktuellen Skulpturen von Jeff Koons in Beziehung zu Smartphone und Brazilian Waxing, um die Frage aufzuwerfen: »Warum finden wir heute das Glatte schön?« Zu der von Byung-Chul Han angesprochenen Oberflächenglätte bilden »das Schöne« und dessen Desi- derat, das sich gegen bloßes Wohlgefallen wendet und Erschütterungen oder Erweckungsmomente auslöst, den Gegensatz. Laut Han lässt sich das Schöne nicht konsu- mieren; um es zu erkennen, sind vielmehr Aktivitäten zu setzen.

Doppelbödigkeiten und Scharfstellungen, wie sie von Künstlerinnen und Künstlern bewirkt werden, sind hier gefordert: Kritisch nannte der Filmemacher und Autor Harun Farocki die Produktion von Schönheit in einem Atemzug mit der Produktion von Shoppingmalls, mit Überwachung, Krieg und Öffentlichkeit. Vito Acconci wirft mit seinen künstlerischen Statements Überlegun- gen auf, wie wir manipulierende Facetten des Schönen durchschauen könnten. Bruce Naumans Werk wendet sich gegen gängige Schönheitsbegriffe und befasst sich mit Enttäuschung und Grausamkeit. Cindy Sherman argumentiert mit Aussagen wie »Schon als Kind wollte ich hässlich aussehen« pointiert ihre teils schaurigen Selbstinszenierungen. Louise Bourgeois erzeugte eine enorme Intensität, indem sie der Kunst zwischen Schön- heit und Schmerz nachspürte. In ihrer rätselhaften visu- ellen Schönheit schaffen die Werke des Fotografen Hiro- shi Sugimoto eine auratische Wirkung. Robert Mapplethorpe suchte mit provokant wirkenden homo- erotischen Porträts nach der Perfektion durch Kunst. Nan Goldin hält in ihren Fotografien den dramatischen, glamourösen, aber auch banalen Aspekt des Schönen fest. Und auch den Modeschöpfer und Kunstsammler Karl Lagerfeld reizt nicht die Schönheit im klassischen Sinne, sondern das alle Sinne berührende Abgründige. Auf Schönheit, die verstörend wirkt, treffen wir bereits in Werken von Hieronymus Bosch, dessen »Garten der Lüs- te« vor 500 Jahren ein Szenario von Schönheits- und Hässlichkeitsmythen entwarf, von Alberto Giacometti – als einer der wichtigsten Bildhauer der Moderne wandte er sich in seinen Skulpturen einem Existentialismus zu – oder von Robert Ryman: Der für seine minimalistischen Werke bekannte Maler zog es vor, als Realist bezeichnet zu werden, und wandte sich von der Schaffung schöner illusionistischer Bilder ab.

Wie unsere Wahrnehmung von Kunst ist auch jene von Schönheit kontextabhängig. Dennoch: Wenn wir etwas entdecken, was wir als schön empfinden, ist das ein magi- scher Moment, in dem das Sehen zum schöpferischen Akt wird. Auch in der Neuroästhetik, die die neurobiologi- schen Grundlagen ästhetischer Empfindungen erforscht, begibt man sich heute auf die Suche nach der Schönheit und gelangt dabei zu verblüffenden Erkenntnissen. Was geschieht beim Erleben von Kunst im Kopf? Lassen sich die Wahrnehmung von Kunst und die Emotionen, die sie erregt, neurobiologisch erklären? Welche Hirnfunktio- nen sind für den künstlerischen Schaffensprozess und die Beurteilung von Kunst relevant? Was passiert in unse- rem Gehirn, wenn wir etwas schön finden? Wie werden dadurch unterschiedliche sensorische Areale angespro- chen? Je mehr uns Kunst gefällt, desto stärker aktiviert sie den medialen orbitofrontalen Cortex. Dieser ist auch äußerst aktiv, wenn wir jemanden lieben, der uns gefällt, lautet eine Analyse des Neurobiologen Semir Zeki, der als Pionier der Neuroästhetik gilt. Alle emotionalen Zentren, die auch für Belohnung wichtig sind, sind mit von der Partie, wenn ein Kunstwerk den Nerv trifft. Darüber hinaus springen Areale in der Hirnrinde an, die beim Beurteilen und Zusammenfügen einzelner Wahrnehmun- gen zu einem Ganzen helfen. Als je schöner die Kunst empfunden wird, desto stärker werden alle diese Bereiche aktiviert.Wie die Kunst stirbt das Schöne an jeder Art von Erstar- rung, sie will belebt und mit Eigensinn erfüllt werden. Hinter vordergründig Hässlichem kann sich Schönes verbergen. Im Wechselspiel zwischen individuellen und kollektiven Imaginationen entwickelt das Schöne seinen Appeal. Schönheit ist nicht reines Genussmittel oder bloße Geschmacksfrage, sondern entsteht im Dialog. Das Programm der VIENNA ART WEEK 2016 bietet dazu Gelegenheit.

INTERVIEWMARATHON
»Seeking Beauty«
Di., 15. Nov. 2016 14.00–20.00 Uhr
MAK-Säulenhalle, MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
In deutscher und englischer Sprache
Performativer Interviewmarathon der VIENNA ART WEEK mit Mark Evans, Kurator am Victoria and Albert Museum, London, der Designerin Dejana Kabiljo,der Body-Art- und Performance-Künstlerin ORLAN sowie der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken und Performances von Krõõt Juurak und Anne Juren, Elisabeth von Samsonow, Professorin an der Akademie der bildenden Künste, Station Rose und Doris Uhlich.

Artikel von Robert Punkenhofer und Ursula Maria Probst:

Robert Punkenhofer ist Künstlerischer Leiter der VIENNA ART WEEK und Gründungsdirektor von Art&Idea. Als Kurator arbeitet er an der Schnittstelle von Kunst, Design, Architektur und internationaler Wirtschaft. Er kuratierte die Murinsel mit Vito Acconci in Graz ebenso wie die Teilnahme Österreichs an den Weltausstellungen in Aichi, Japan, Saragossa, Spanien, und Shanghai, China. Nach über 100 künstlerischen Projekten auf drei Kontinenten realisierte er zuletzt Ausstellungen im Triennale Design Museum Mailand sowie am Goethe Institut Barcelona. Er ist Gastprofessor an der New York University und Mitglied des Princeton University/PLAS International Advisory Boards.

Ursula Maria Probst lebt als Kunsthistorikerin, Universitätslektorin, Kunstkritikerin, freie Kuratorin und Künstlerin (Female Obsession) in Wien. 2015 Kuratorin für die Österreichbeiträge der Havanna Biennale. Ihre Themenschwerpunkte liegen auf Performancekunst, Kunst im öffentlichen Raum (Fluc Wien, »In der Kubatur des Kabinetts«, »Transcultural Emancipation«, BKA/KulturKontakt Austria) und Kunstsammlungen, sie zielen auf die Neuentwicklung von Strukturen im Kunstbetrieb ab.


Share your selection:
Add event to selection