Queere Themen zum Fünfuhrtee

Geschichte und Gegenwart der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs

Viele Jahre lang hat sie im Wiener Kunstgeschehen keine Rolle gespielt; mittlerweile konnte sie sich allerdings (wieder) als Vorreiterin queer-feministischer Kunst in Wien etablieren: die Vereinigung bildender Künst­lerinnen Österreichs (VBKÖ), die mit einem vergilbten Namensschild über dem Eingang zu ihren Räumen auf eine lange, nicht nur glorreiche Geschichte verweist.

Die VBKÖ wurde vor mehr als 100 Jahren von frauenbewegten Künstlerinnen gegründet, die die Notwendigkeit für ein gemeinsames Handeln sahen. Es ging ihnen darum, an der »Verbesserung der wirtschaftlichen und künstlerischen Verhältnisse von Künstlerinnen zu arbeiten«, wie Rudolfine Lackner, Präsidentin von 1998 bis 2011, in der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der 1910 gegründeten Künstlerinnenvereinigung schreibt.

1912 mieteten Tina Blau, Olga Brand-Krieghammer, die erste Präsidentin, Ilse Conrat, Terese Ries, Olga Wisinger-Florian, um nur einige zu nennen, die noch heute bestehenden Räumlichkeiten der VBKÖ im Dachgeschoß eines Wiener Innenstadthauses. Für eine der ersten selbst­organisierten Ausstellungen 1910 reichte die Größe des Ausstellungsraums in der Maysedergasse aber nicht aus: Mit »Die Kunst der Frau« wich man deswegen in die nahe gelegene Wiener Secession aus. Ilse Conrat und Olga Brand-Krieghammer versammelten mehr als 300 Werke von internationalen Künstlerinnen in dieser ersten Wiener Frauenausstellung, die trotz Publikumserfolgs irgendwann dem Vergessen anheimfiel.

Dabei, so betont Julie M. Johnson in ihrem Beitrag zur Festschrift, sei sie außergewöhnlich gewesen. Sie vergleicht die Wiener Schau mit der legendären Frauenausstellung »Women Artists 1550–1950«, die Anne Sutherland Harris und Linda Nochlin 1977 für das LA County Museum of Art kuratierten. Mehrere der von ihnen ausgewählten Künstlerinnen waren bereits in Wien mit dabei gewesen, wo man weder institutionell gestützt noch von einer so breiten feministischen Basis wie im Los Angeles der 1970er getragen gewesen war.

Dass Nina Höchtl und Julia Wieger, beide im derzeitigen Vorstand der VBKÖ, 2012 das »Sekretariat für Geister, Archivpolitiken und Lücken« gründeten, ist aber nicht nur dieser einen Lücke in der Geschichte geschuldet. Unaufgearbeitet blieb über viele Jahre auch die NS- Vergangenheit der VBKÖ, die unter der Präsidentschaft von Stephanie Hollenstein (1939–1944) mit den Nazis kollaborierte und alle jüdischen Künstlerinnen ausschloss, unter ihnen auch Ilse Conrat, die 1944 wegen ihrer bevorstehenden Deportation Suizid beging. Im selben Jahr wurde die VBKÖ von Grete Kmentt-Montandon übernommen, die bis 1968 Präsidentin der immer kon­servativer und bedeutungsloser werdenden Künstlerinnenvereinigung war.

»Welche Ausstellungen und Aktivitäten fanden während dieser Zeit statt? Gab es interne Diskussionen über eine post-nazistische Positionierung, und wurde jemals – in den 1960er-Jahren? – ein klarer Bruch vorgenommen?« Mit der Bearbeitung dieser und anderer Fragen in Lecture Performances, mit der Veröffentlichung historischer Dokumente oder auch einem Essayfilm ist die Arbeit des »Sekretariat für Geister, Archivpolitiken und Lücken« integraler Bestandteil der VBKÖ, die sich erst in den 1990ern unter Rudolfine Lackner wieder ihrer frauen­bewegten Anfänge und einer feministischen Haltung besann.

Intern hat man sich seit damals zudem insofern restrukturiert, als es heute anstelle einer Präsidentin einen regelmäßig rotierenden, derzeit achtköpfigen Vorstand gibt. Alle acht Künstlerinnen arbeiten ehrenamtlich und haben in den vergangenen Jahren mit einem sehr geringen Budget ein Ausstellungsprogramm realisiert, das die VBKÖ zu einem wichtigen Ort aktivistischer, queer-feministischer Kunstpraktiken in Wien werden ließ.

In Gruppenausstellungen wie »Modern Holes« oder »Dear Anus« wurden heteronormative Sexualitätspolitiken lustvoll seziert. Gleichzeitig bilden post-/dekoloniale Herangehensweisen einen wichtigen Schwerpunkt: So brachte etwa Ruby Sircar 2015 unter dem Titel »Familiarity – Imperial Myths. Unexpected Queerings« Arbeiten von Sabelo Mlangeni, Amoako Boafo, Sunanda Mesquita, Lydia Hamann, Kaj Osteroth, Mulugeta Gebrekidan und anderen zusammen, um »dekolo­nialisierende Momente« in der zeitgenössischen Kunst vorzustellen.

Im Rahmen dieser Ausstellung wurde auch der »Fünf­uhrtee« wieder aufgenommen, der neben Tausch- und Weihnachtsausstellungen bis in die 1980er-Jahre eine konstante Lobbying-Plattform in der ansonsten vor allem von Brüchen geprägten Geschichte der VBKÖ darstellte.

Barbara Steiner, die 2015 als Gastkuratorin fungierte, konzipierte eine vierteilige Ausstellungsreihe zu Wiener Künstler(innen)vereinigungen, unter anderem auch im Künstlerhaus und in der Secession. In der VBKÖ knüpfte sie sowohl an historische Veranstaltungs- und Ausstellungsformate als auch an die Ausstellung »Die Kunst der Frau« von 1910 an. Sie ergänzte den Titel um »Freundinnen und Komplizinnen« und wies »Die Kunst der Frau« darüber hinaus insofern als immer wieder neu zu for­mulierende Kategorie aus, als dass sie mit Johannes Schweiger, Helmut Kandl sowie Christian Helbock/ Markus Lobner auch Künstler einlud. Mit dabei waren außerdem zwei ehemalige Vorstandsmitglieder: Die Malerin Veronika Dirnhofer thematisierte in ihrer Installation die Geschichte der VBKÖ inklusive ihrer Auseinandersetzungen mit dem aktuellen Vorstand; und Hilde Fuchs bezog sich auf die historische Raumnot und lud zur Besetzung der Secession ein.

Beide Künstlerinnen, die ihre Studios in den Räumen der VBKÖ haben, geben während der VIENNA ART WEEK einen Einblick in ihre Arbeit; außerdem wird das Gemeinschaftsatelier von Catharina Bond und Julia Gaisbacher öffentlich zugänglich sein.

Für November ist zudem eine Gruppenausstellung geplant, die Teil des Jahresschwerpunktes »Scandalous Bodies« darstellt. Ausschlaggebend dafür waren unter anderem Fragen, die vor dem Hintergrund der aktuellen Situation von Geflüchteten in Österreich auftauchten und nun die Veranstaltungen 2016 begleiten, etwa: »Wie kann die Pluralität der post-/dekolonialen feministischen Perspektive hervor­gehoben werden?« oder »Wie können Ansätze und Praxen aus unterschiedlichen Sprach- und geopolitischen Räumen in einen produktiven Dialog gebracht werden?«

In der Ausstellung »Bodies as Archives« gehen Elke Auer und Ruby Sircar in Übereinstimmung mit dem Philosophen und Queer-Theoretiker Paul Beatriz Preciado davon aus, dass Körper politische und kulturelle Archive sind: »If you carefully look at it, you realize that your body archive is connected to the history of the city, the history of design, technologies, and goes back to the invention of agriculture like eighty thousand years ago«, so Preciado. Angekündigt sind künstlerische Entwürfe, die Körper als Archive technologischer, ideologischer und kultureller Einschreibungen befragen und gleichzeitig Formen politischer und sexueller Selbstermächtigungsstrategien aufzeigen sollen.

Damit bleibt man auch 2016 einer für Wien einzigartigen programmatischen Ausstellungstätigkeit verpflichtet, in deren Rahmen außerdem laufend die ökonomischen Bedingungen von Künstlerinnen (und ihrer Vereinigung) reflektiert werden.

Die Gründerinnen haben wohl kaum angenommen, dass ihre Bemühungen um (ökonomische) Anerkennung mehr als 100 Jahre andauern würden. Momentan sieht es aber aus, als werde es auch zu diesem Thema noch den einen oder anderen Fünfuhrtee in der VBKÖ geben.

Artikel von Christa Benzer:

Christa Benzer ist Redaktionsmitglied der Kunstzeitschrift »springerin« und freie Mitarbeiterin der Tages­zeitung »Der Standard«.


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