Programmangebot mit Ganzjahres­potenzial

Von der Kulturproduktion bis zum Kunsthandel: Wien boomt

Photo: Marlene Rahmann

Der Kunstherbst bildet das Highlight des Kulturstandortes Wien. Doch das ganze Jahr über arbeiten zahlreiche Initiativen daran, die Position der Bundeshauptstadt als internationaler Kunst-Hotspot weiter auszubauen. Horst Szaal, Galerist und Gremialobmann des Landesgremiums Wien des Kunst- und Antiquitätenhandels, zieht im VIENNA-ART-WEEK-Gespräch Fazit über die derzeitige Lage und über zukünftige Trends am Wiener Kunstmarkt.

Er ist da, der Kunstherbst mit seinem konzentrierten Angebot an Kunst- und Kulturevents. »Der Kunststandort Wien wird durch die VIENNA ART WEEK sehr gestärkt«, lobt Horst Szaal, Gremialobmann des Landesgremiums Wien des Kunst- und Antiquitätenhandels: »Besonders junges und neues Publikum, das Scheu davor hat, in Galerien zu gehen, nutzt ebenso wie versierte Kunstkenner die Gelegenheit zur Kunsterfahrung durch die angebotenen Studio Visits, Podiumsdiskussionen und Talks.«
Doch nicht nur der Kunstherbst übt Attraktivität auf die internationale und die nationale kunstinteressierte Szene aus. Mit vielseitigen Angeboten und abwechslungsreichen Veranstaltungen, die auf die spannenden Kon­traste zwischen traditioneller und gegenwärtiger Kunst fokussieren, lockt Wiens wachsende Kulturszene das ganze Jahr über – wenngleich das Programm immer noch ausbaufähig ist.

Großflächig gesehen, boomt die österreichische Kreativszene: Während die Wirtschaft allgemein weitgehend stagnierte, stieg die Zahl der Kreativwirtschaftsunternehmen von 2008 bis 2012 um acht Prozent, jene ihrer Beschäftigten und der Umsatz gingen sogar um zehn Prozent hinauf. Wien ist ohne Zweifel deren wichtigste Plattform: Hier sind 41 Prozent der heimischen Kreativwirtschaftsunternehmen ansässig, die gemeinsam 58 Prozent der Umsätze der Branche erwirtschaften. Unter ihnen sorgen rund 120 auf zeitgenössische Kunst spezialisierte Galerien, 575 Kunst-, Antiquitäten- und Briefmarkenhändler, eine Vielzahl an Auktionshäusern und 72 Museen für ein anspruchsvolles Kunstprogramm von wachsender gesellschaftlicher Bedeutung. Ihr Erfolg ist nicht zuletzt auf die Schaffung spezieller Kunstviertel zurückzuführen: »Grätzel, in denen sich der Kunsthandel verdichtet – wie im ersten und im vierten Bezirk oder etwa in der Brotfabrik im zehnten Bezirk –, haben sich bewährt«, sagt Horst Szaal. Gefestigt wird die Bedeutung der Kunstgrätzel durch Events wie etwa den Galerienrundgang in der Wiener Innenstadt, an dem in diesem Sommer 19 Galerien teilnahmen, oder die Schwesternveranstaltung in der Schleifmühlgasse, in der zahlreiche Galerien unisono ihre Türen länger geöffnet halten: Mehrmals im Jahr veranstaltet, ist der abendliche Galerienrundgang sowohl unter Studierenden und Nachtschwärmern als auch bei etablierten Sammlern und Kunstkennern längst zum sozialen Jour fixe der Wiener Szene geworden.

Auch der Kunst- und Antiquitätenhandel setzt auf Zusammenschluss. In der Wiener Innenstadt bildete sich in der Stallburggasse und in der Umgebung der Spiegelgasse eine florierende Szene rund um das DOROTHEUM heraus, das ebenso stolz auf große Erfolge verweisen kann: Über 40 Kunstsparten – von »Alten Meistern« bis zur »Zeitgenössischen Kunst« – beherbergt das größte Auktionshaus Mitteleuropas, das neben seinen »daily auctions« 120 Katalog-Auktionen pro Jahr veranstaltet und regelmäßig Weltrekorde bei Versteigerungspreisenbricht. Allein sechs Rekordgewinne erzielte man im ersten Halbjahr 2016 in den Bereichen Klassische Moderne und Zeitgenössische Kunst.

All den Erfolgen zum Trotz sieht Szaal Ausbaumöglichkeiten gegeben, was die Breitenwirksamkeit des Kunst- und Antiquitätenhandels betrifft: »Im Herbst starten wir einen Schwerpunkt, in dessen Rahmen Kunst vermehrt in Printmedien präsentiert wird«, verrät er. Potenziell Kunst­interessierte sowie internationale Klientel sollen so auf Wiens abwechslungsreiche Kunstszene aufmerksam gemacht werden. Schließlich sind 15 Prozent der Umsätze dieser Branchen internationalen Kunden zu verdanken. Und so strebt die Wiener Kunstszene nicht nur nach einer Verstärkung der internen Zusammenarbeit, sondern auch nach internationalem Austausch.

Zudem werden kleine, spezialisierte Einrichtungen, die sich mit Themen jenseits des Mainstreams beschäftigen, oft budgetär vernachlässigt; sie sind von internationalen Vernetzungen und Präsentationsmöglichkeiten abhängig. So betrug die Förderung für die zeitgenössischen Sparten Bildende Kunst, Architektur, Design, Mode, Fotografie, Video- und Medienkunst laut Kunstbericht des Bundeskanzleramtes im Jahr 2014 zwar mit 10,48 Millionen Euro um 200.000 Euro mehr als im Vorjahr; sie belief sich aber dennoch auf bloße 11,4 Prozent der gesamten Kulturförderungen. Der Löwenanteil geht mit 69,5 Prozent – beziehungsweise 63,92 Millionen Euro – an die Bereiche »Musik und Darstellende Kunst« sowie »Film«.

Auch im Kunsthandel bemängelt Horst Szaal erschwerende staatliche Auflagen: Die Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes etwa habe den Preis der Produkte auf dem Kunstmarkt Österreich teurer werden lassen als in anderen Ländern. Die Folge seien sinkende Verkaufszahlen: »Das darf man nicht unterschätzen«, warnt der Gremialobmann, »auch wenn es nur wenige Prozent sind.« Sein Ziel ist es, den Kunsthandel noch stärker in das Rahmenprogramm der VIENNA ART WEEK einzubeziehen.
»Wir alle, die wir Kunst lieben, sollten zusammenwirken«, meint er: »Wie die Galerien, die Kunsträume und die Kunstinstitutionen will der Kunsthandel zeigen, wie schön es ist, mit Kunst umzugehen.«

Die Bemühungen der zeitgenössischen und der traditionellen Kunstszene zeigen Erfolge: Bereits die Hälfte der Wien-Besucher reist wegen des breiten Kunst- und Kulturangebots in die Landeshauptstadt, ergab die T-MONA Gästebefragung des Wien Tourismus in den Jahren 2011 bis 2014. Auch die Messen tragen ihren Teil dazu bei, globale Jetsetter nach Wien zu locken: Die Wiener Internationale Kunst- & Antiquitätenmesse WIKAM präsentiert alljährlich eine von internationalen Experten im Palais Ferstel zusammengestellte Auswahl an Gemälden, Zeichnungen und antiken Sammelstücken von Barock- und Biedermeiermöbeln bis zu seltenen Uhren und kostbarem Schmuck. Ebenso zieht die Art & Antique mit ihrem breiten Kunst-, Antiquitäten- und Designangebot in der Wiener Hofburg jährlich rund 18.500 Besucher an. Auf zeitgenössischem Gebiet bietet die viennacontemporary mit 105 Galerien aus 25 Ländern und ihrem Fokus auf nord- und osteuropäischer Kunst österreichischen Ausnahmekünstlern eine entsprechende Plattform und sorgt für internationale Aufmerksamkeit: Die Zahl der Besucher stieg zuletzt auf 28.000 im Jahr 2015 an. Auch die Parallel Vienna – laut Horst Szaal die »Einstiegsmesse für aufstrebende Kunstschaffende« – entwickelte sich von einer kleinen Liebhaberveranstaltung zu einem Szene-Event mit Massenandrang.

In Anbetracht der schnelllebigen internationalen Kunstwelt warnt Szaal aber davor, die eigene Tradition in den Hintergrund zu drängen. Selbst auf dem globalisierten Kunstmarkt komme die persönliche Sprache der Kulturszene eines jeden Landes zu tragen: »Es ist doch faszinierend, wie regional die Stände bei internationalen Kunstmessen ausgerichtet sind – ein griechischer, ein brasilianischer oder ein österreichischer Stand ist als solcher erkennbar«, sagt Szaal. So global der Markt auch sein möge – Kunst entstehe eben immer aus den lokalen kulturellen Bedingungen heraus. Und die Grundlagen für dieses Schaffen gilt es nach allen Kräften zu schützen.

Der Wiener Kunsthandel hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Wien nicht mehr nur durch seine Geschichte und als Musikhauptstadt glänzt, sondern auch immer stärker als Stadt der modernen und zeitgenössischen Kunst in den Fokus des internationalen Interesses rückt. Wie lebendig die Kunstszene in Wien ist, stellt die VIENNA ART WEEK auch heuer wieder eindrucksvoll unter Beweis. Von einer exklusiven Veranstaltung für Kenner und Käufer hat sie sich wie der Wiener Kunstmarkt zu einer offenen Szene mit vielen Teilnehmern und Besuchern und damit auch zu einem Wirtschaftsfaktor für unsere Stadt entwickelt. Deshalb unterstützt die Wiener Wirtschaftskammer die VIENNA ART WEEK, um deren Erfolge zu würdigen und weiteres Wachstum zu fördern.

DI Walter Ruck
Präsident der Wirtschaftskammer Wien

Artikel von Salomea Krobath:

Salomea Krobath studierte Sozialwissenschaften und Chinesisch in den Niederlanden, in China und Großbritannien. Seit 2014 ist sie als freie Journalistin unter anderem für das Nachrichtenmagazin »profil« tätig.


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