Newcomer

Galeriegründungen in Wien

Nathalie Halgand, Rina Grinn, Hans Knoll, Ileana Pop Dubovan, Oscar Sanchez, Denise Parizek, Ernst Hilger, Dora Da Costa (f. l. t. r.) Photo: Marlene Rahmann

Die hiesige Galerienszene erlebt nicht oft Zuwachs. Warum dem so ist, erhellt ein Gespräch, das Nicole Scheyerer mit Newcomern und dem Vorstand des Verbandes österreichischer Galerien moderner Kunst führte.

Das Namensschild am Hauseingang ist noch makellos, die Räume sind frisch renoviert. Aus den hohen Fenstern der Galerie Nathalie Halgand geht der Blick auf den Naschmarkt, auf dem Programm stehen Künstler, die allesamt nach 1980 geboren sind. Acht Jahre lang führte Halgand gemeinsam mit Nicholas Platzer die erste Wiener Street-Art-Galerie Inoperable. Zu Jahresbeginn hat die Kunsthistorikerin das Risiko auf sich genommen und ihre eigene Galerie aufgesperrt.

»Das Wichtigste für den Anfang sind ein gewisses Budget als finanzieller Polster, ein gutes soziales Netzwerk und viel Ausdauer«, umreißt Halgand die Voraussetzungen für eine Galeriegründung. Die lokalen Kunstsammler würden Newcomer am Anfang gerne beobachten und sich im Laufe der Zeit von der Qualität überzeugen. »Neben einem spannenden Galerieprogramm ist vor allem Mundpropaganda extrem wichtig«, weiß die Neo-Galeristin, die viel Zeit auf Reisen und für Recherche verwendet.

Die heimische Galerienszene hat eine Blutauffrischung durch junge Unternehmer dringend nötig. Um die Jahrtausendwende erlebte Wien zwar eine regelrechte Gründerzeit, aber in der vergangenen Dekade sind neben den renommierten Galerien nur sehr wenige neue entstanden. Während es in der Off-Szene brodelt, gehen leider kaum Betreiber von alternativen Ausstellungsräumen den nächsten Schritt, der in der professionellen Vertretung ihrer Künstlerinnen und Künstler liegen würde.

Die Kuratorin Denise Parizek hat in den frühen Nullerjahren mit dem pogmahon.art.club viel Erfahrung im selbstorganisierten Ausstellungsbetrieb gesammelt und eröffnete schließlich die Produzentengalerie Schleifmühlgasse 12–14. Vor Kurzem hat sie sich entschieden, ihre Aktivitäten stärker auf Kunstsammler auszurichten, und ist dem Galerienverband beigetreten. »Wir haben die Galerie 2009 gegründet, weil wir sahen, dass die Absolventen der Kunsthochschulen keine Ausstellungsorte fanden«, erzählt Parizek, die so auf ein Manko in der Nachwuchsförderung antwortete. »Leider ist die bildende Kunst im österreichischen Bewusstsein nicht so stark verankert, die allgemeine Bevölkerung hat zu wenig Interesse daran.« Deswegen strebte die Kuratorin in den vergangenen Jahren nach Vernetzung mit Galerien im Ausland. Die Kooperationen mit Ausstellungsmachern und Galerien in Slowenien, Rumänien, Mexiko und jüngst auch in Kanada haben spannende Projekte nach Wien gebracht und auch heimischen Künstlern Gastspiele im Ausland ermöglicht.

Mit dem Fokus auf sehr junge Positionen wurde 2012 auch die Galerie Aa collections in der Burggasse eröffnet. »Wir fungieren als Startgalerie, als Plattform für sehr junge, lokale Künstlerinnen und Künstler«, erklärt die Leiterin von Aa collections Rina Grinn und betont ihre begleitende Rolle bei der Entwicklung der Kunstschaffenden. »Unser Raum ist von der Fläche her klein, aber er bietet viel Platz für neue Ideen und fungiert so wie ein Labor.« Freilich sei es nicht leicht, Käufer für vollkommen unbekannte Künstlerinnen und Künstler zu finden, aber es ist möglich. Die ursprünglich aus Moskau stammende Galeristin knüpft auf unterschiedliche Weise Verbindungen zum Wiener Kulturbetrieb, etwa durch Kooperationen mit in der Nachbarschaft befindlichen Kulturinstitutionen wie dem Ateliertheater, aber auch mit staatlichen Organisationen wie zum Beispiel KulturKontakt Austria.

Auf Kunst aus Osteuropa mit Schwerpunkt Rumänien hat sich die Five Plus Art Gallery spezialisiert. Die Galeristin Ileana Pop Dubovan sieht Wien als einen guten Umschlagplatz für Kunst aus den vormals sozialistischen Staaten. »Wien hat schon diese geografische Position in der Mitte Europas, und es bestehen historische kulturelle Verbindungen zum Osten.« Die auf Initiative eines rumänischen Geschäftsmannes eröffnete Galerie bringt Kunst aus den aufstrebenden Szenen Bukarests, Clujs und Timis˛  oaras nach Österreich. »Eine zentrale Aufgabe ist es, uns noch stärker mit der lokalen Szene zu vernetzen.«

Die große Bedeutung des Networkings hebt auch der Galerist Ernst Hilger hervor, der immerhin seit 45 Jahren im Geschäft und seit Kurzem wieder im Vorstand des Galerienverbandes ist. »Die traditionelle Galerie muss sich bewusst sein, dass ihre einzige Chance in der Bildung von Partnerschaften liegt.« Als Beispiel nennt er die Street-Art-Ausstellung »Cash, Cans & Candy«, die seine Hilger BROTKunsthalle 2013 mit Inoperable als Partnergalerie zum ersten Mal organisiert hat. »Alleine hätten wir das gar nicht geschafft!«

In seiner jetzigen Funktion als Vorstandsmitglied möchte Hilger dafür sorgen, dass der Galerienverband als gute Anlaufstelle für alle fungiert, die den Schritt in die kommerzielle Verbreitung von Kunst wagen. Was muss ich als Kunstunternehmer beachten? Welche Förderungen gibt es? Wie komme ich zu einem Messeauftritt? Bei all diesen Fragen bietet der Galerienverband sein Know-how an. Gleichzeitig sollen die Neuen in der Dachorganisation für frischen Wind sorgen.

Aber woran liegt es, dass Junggaleristen hierzulande Mangelware sind? »Leider herrscht in Wien eine extrem aversive Haltung gegenüber allem, was neu ist, vor«, ortet Hilger eine Ablehnung des Mitbewerbs. Diesen Eindruck bestätigt auch der mexikanische Kurator Oscar Sanchez, der gemeinsam mit Denise Parizek bereits mehrere Ausstellungen in Wien kuratiert hat. »In Österreich fehlen die Kooperationen mit den Kunstszenen anderer Länder. Viele sehen das bloß als Konkurrenz.« Dabei würden die Künstler von solch einem Austausch sehr profitieren, betont Parizek. Sie habe oft erlebt, wie ein anderes kulturelles Umfeld neue Werkentwicklungen hervorgebracht hat.

Nathalie Halgand verweist auf ein anderes Manko: »Es wäre wichtig, dass etablierte Galeristen den Nachwuchs fördern und auf dem Weg in die Selbstständigkeit ermuntern. Im Ausland soll dies häufiger der Fall sein, bei uns ist es das eher nicht.« Die Gründung neuer Galerien ist vor allem in puncto Nachwuchsförderung zentral, denn in der Regel stellt ein Newcomer die Künstler seiner eigenen Generation aus.

Der Galerist Hans Knoll, seit Kurzem Präsident des Galerienverbandes, erinnert sich an seine Anfänge in den 1980er-Jahren: »Ich war zum Glück naiv und unerfahren genug, sonst hätte ich es wahrscheinlich gar nicht probiert.« Die Interessenvertretung könne natürlich niemanden dazu bringen, ein eigenes Unternehmen zu gründen, aber mit Rat und Tat zur Seite stehen. In Wahrheit mache jede neue Galerie den Kuchen nicht kleiner, sondern größer. »Denn sie wächst in die Gesellschaft hinein, schafft dort Verständnis für die Kunst und gewinnt so neue Sammler!«

Artikel von Nicole Scheyerer:

Nicole Scheyerer wurde 1974 in Salzburg geboren und studierte Philosophie in Wien. Sie schreibt regelmäßig für die Wiener Stadtzeitschrift »Falter«, »Der Standard« und die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« über Kunst und Kunstmarkt.


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