Museum für alle

125 Jahre Kunsthistorisches Museum

Sabine Haag Photo: Marlene Rahmann

Nach langer Vorlaufzeit wurde das Kunsthistorische Museum in Wien am 17. Oktober 1891 eröffnet. Seither hatte es eine bewegte Geschichte: der Übergang in den Besitz der Republik, die NS-Zeit, das Thema Restitution, die Erlangung der Vollrechtsfähigkeit. Mit einem Paket von Ausstellungen, Konferenzen und Veranstaltungen ist das Museumsprogramm 2016 vom 125. Geburtstag bestimmt. Maria Rennhofer hat aus diesem Anlass mit Sabine Haag, der Generaldirektorin des Hauses, gesprochen.

Welche Schwerpunkte sind Ihnen im Zusammenhang mit dem Jubiläum des Kunsthistorischen Museums besonders wichtig, was wollen Sie der Öffentlichkeit vor allem vermitteln?
Sabine Haag: Wir haben unser 125-Jahr-Jubiläum unter das Motto »Museum für alle« gestellt, und dem wollen wir mit einem reichhaltigen Programm gerecht werden. Unsere Ausstellungen, aber auch alle anderen Aktivitäten sollen ein möglichst breites Publikum ansprechen, es geht uns vor allem darum, Barrieren zu senken und ein Museum für alle im physischen und intellektuellen Sinn, aber auch in der Tonalität der Vermittlung zu präsentieren. Unsere große Festausstellung »Feste Feiern« hat aus dem Reichtum unserer vielfältigen Sammlungen an den verschiedenen Standorten geschöpft. Aber wir beziehen immer auch gern den Blick von außen ein. Heuer hat sich Edmund de Waal als Kurator mit unseren Beständen beschäftigt und für seine Ausstellung »during the night« einen sehr subjektiven Blick auf unsere Sammlungen geworfen. Es ist uns wichtig, unsere Institution aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch zu befragen und sie dadurch besser aus dem Heute zu verstehen. Das Jubiläum soll ja nicht nur eine Nabelschau auf die Vergangenheit sein, sondern wir wollen beleuchten, wo wir jetzt stehen und wohin wir in den nächsten 125 Jahren gehen möchten.

Als das Museum 1891 eröffnet wurde, war das eine huldvolle Geste des Kaisers, die habsburgischen Sammlungen zusammenzuführen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Heute ist das eine Aufgabe, die auch Verpflichtungen mit sich bringt. Wie balanciert man dieses Verhältnis zwischen der Öffnung für immer mehr Besucher und der Bewahrung der anvertrauten Bestände aus?
Sabine Haag: Ich sehe die Erfüllung dieser beiden Ansprüche nicht als Widerspruch. Ein Museum ist aus unserer Sicht ein offener Ort der Freude, des Lernens, der Schönheit, der Diskussion, auch ein Ort, wo ganz allgemeine Fragen des Menschseins hereinspielen. So ein Ort kann das Museum nur sein, wenn es die Objekte für die Zukunft bewahrt. Bei uns kommt dazu, dass das Haus per se ein Kunstwerk ist, quasi das Objekt Nummer 1. Durch die Art, wie wir die Objekte präsentieren, welche Geschichten wir dazu erzählen, welche Erkenntnisse wir vermitteln, wollen wir Verständnis dafür wecken – vor allem bei der jüngeren Generation, die natürlich wissen will, warum Museumsgegenstände überhaupt auf diese Weise aufbewahrt werden. Das geht am besten, wenn wir zeigen, dass nicht nur vor 125 Jahren die Freude über diese Sammlungen groß war, sondern dass sie heute mit einem anderen Wissen, aus einem anderen Verständnis heraus ein Fels in der Brandung sein können und deswegen mit Fug und Recht für die Zukunft aufbewahrt werden sollen.

Wie bekommt man junge Erwachsene und speziell jene, die nicht aus einem bildungsbürgerlichen Milieu kommen, ins Museum?
Sabine Haag: Sie sprechen die Zielgruppe der unter 25-Jährigen an, für die wir seit heuer unsere »Unter-25-Jahreskarte« zum sehr attraktiven Preis von 19 Euro anbieten. Für diese sogenannten Digital Natives, die einen ganz anderen Zugang zu Wissen, Wissensvermittlung und Lernen haben, haben wir ein attraktives Programm und neue Angebote erarbeitet. Wir setzen stark auf Social Media, bieten aber auch eine neue Kunstvermittlungs-App an, speziell für Jugendliche und in unterschiedlichen Sprachen. Was die Kommunikation mit diesen Menschen anbelangt, können wir uns nicht auf unsere jahrzehntelange Kernkompetenz des klassischen Vermittelns berufen, sondern mussten uns erst kundig machen, wie sie ticken, um dann ein qualitätvolles Angebot zu erarbeiten, das zu unseren Kunstwerken hinführt.

Das »Museum für alle« hat gerade heute, da wir viel von Migration, von Integration sprechen, eine besondere Bedeutung, denn hier spielt die Sprache keine so große Rolle. Wo sehen Sie Möglichkeiten, auch Menschen aus anderen Kulturen, mit einem anderen Bildungshorizont etwas anzubieten, das zum gegenseitigen Verständnis beitragen kann?
Sabine Haag: Der Schlüssel dazu kann nur sein, Menschen dort abzuholen, wo sie sind, und nicht vorauszusetzen, dass etwa ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund oder bildungsfernerer Herkunft mit älterer Kunst und Kultur, wie sie in unserem Museum gezeigt wird, a priori etwas anfangen kann. Es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass Museumsbesucher – auch österreichische – mit allen Motiven vertraut sind. Aber wenn man unterschiedliche gesellschaftliche Konventionen anspricht, kann man spezifische Themen aufgreifen, mit den Besuchern in Dialog treten, sie selbst über ihre Erfahrungen sprechen, sie ihre eigene Geschichte und Kultur präsentieren lassen und dann schauen: Wie passt das eigentlich zusammen? Ganz ohne Sprache kann aber auch das Museumserlebnis nicht funktionieren. Man muss daher sehr aufmerksam und sensibel in der Sprachwahl sein, um nicht den gegenteiligen Effekt zu erzielen.

Die Architekten Semper und Hasenauer hatten das Kunsthistorische Museum im Kontext eines großen Kaiserforums geplant, das nach dem Zusammenbruch der Monarchie nicht realisiert wurde. Vor Jahren gab es im Zusammenhang mit dem Museumsquartier Überlegungen, mehrere Museumsgebäude unterirdisch zu verbinden. Ein Projekt Ihres Vorgängers Wilfried Seipel, Sonderausstellungsräume in einem der Höfe zu errichten, konnte aus finanziellen Gründen nicht realisiert werden. Haben Sie konkrete bauliche Erweiterungspläne für die nächste Zukunft?
Sabine Haag: Es gibt Wünsche, Pläne, aber keine konkreten Projekte, denn dafür brauchen wir sowohl Partner in der Politik als auch die Unterstützung seitens der Wirtschaft. Das Kunsthistorische Museum bedarf ganz dringend einer Erweiterung, um Raum für Sonderausstellungen, für Infrastruktur zu erhalten. Wir würden gern die Möglichkeiten, die sich aus der Zusammengehörigkeit mit dem Naturhistorischen Museum ergeben, besser nutzen können, und wir bräuchten auch die Verbindung mit den zum Kunsthistorischen Museum gehörenden Sammlungen, die sich jenseits des Rings befinden. Im Sinne eines größeren Ganzen gibt es also noch viele Bedürfnisse, die als Bestandteil eines großen, in mehreren Etappen zu erarbeitenden kulturpolitischen Masterplans zu befriedigen sind.

Wo sehen Sie das Museum in 125 Jahren in inhaltlicher Hinsicht?
Sabine Haag: Das Museum der Zukunft ist nach wie vor ein Museum der Originale. Der digitalisierte Objektbestand ist wichtig zur Erfassung, zur Vorinformation, zur Nachbearbeitung, zur vernetzten Informationsgewinnung. Aber auch im virtuellen Raum kann ein Objekt niemals ganzheitlich erfasst sein, und es wird immer nur für sich gesehen; der Dialog, das Zusammenspiel ergibt sich nur im Museum. Ich bin der Überzeugung, dass das Museum als Ort der Begegnung mit den Originalen niemals aussterben wird, das wird es auch in 125 Jahren noch geben.
www.khm.at/125-jahre

Artikel von Maria Rennhofer:

Maria Rennhofer, Kulturjournalistin und -publizistin. Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien, langjährige Leiterin Aktuelle Kultur ORF-Hörfunk, seit 2010 als freie Journalistin und Autorin sowie mit Kultur- und Medienprojekten selbstständig tätig. Mehrere Buchpublikationen, u. a. Monografie über Koloman Moser.


Share your selection:
Add event to selection