Kunstvermittlung für alle

Über die Kunst, zwischen Objekt und Lebensrealität zu vermitteln

Brigitte Hauptner, Susanne Wögerbauer, Claudia Ehgartner, Andreas Hoffer, Anne Wübben und Andreas Zimmermann (v. l. n. r.) Foto: Marlene Rahmann

Dass Kunst das Leben bereichert, weiß jeder, der einmal Zugang zu ihr gefunden hat. Doch vielen bleibt selbiger aus mannigfachen Gründen versperrt. Kunstvermittler versuchen, die Tür offen zu halten – und sind dabei mit radikalen Umbrüchen konfrontiert. Eine Runde hochkarätiger Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler traf sich zum Gedankenaustausch: Claudia Ehgartner, mumok; Andreas Hoffer, langjähriger Kurator und Vermittler im Essl Museum; Anne Wübben, Architekturzentrum Wien; Andreas Zimmermann, Kunsthistorisches Museum; Susanne Wögerbauer, Belvedere, und ihre Kollegin Brigitte Hauptner, die ein Vermittlungsprogramm für Menschen mit Demenz entwickelt hat.

Kein Gesetz regelt, was Kunstvermittlung erreichen soll. Gibt es einen Konsens darüber, wie Menschen an Kunst und Kultur partizipieren sollten?
Andreas Zimmermann: Das Kunsthistorische Museum hat heuer, in seinem Jubiläumsjahr, das schöne Motto »Museum für alle« ausgegeben. Klar ist aber, dass bestimmte Gruppen überhaupt nicht partizipieren.
Claudia Ehgartner: Manchmal braucht es eine spezielle Einladung, bis hin zu spezieller Kommunikation, spezieller Sprache. Bei uns im mumok würde ich es so definieren, dass ich mir wünsche, dass alle moderne Kunst und das Museum einmal vorgestellt bekommen.
Brigitte Hauptner: Im Belvedere haben sich einige Formate für Besucher, die nicht selbstverständlich ins Museum kommen, aus dem Gespräch heraus entwickelt. Bedürfnisse wurden artikuliert oder Gründe genannt, warum man ins Museum gehen möchte, wo aber Barrieren sind. Aufmerksames Zuhören hilft, den eigenen Kurs zu regulieren.
Andreas Hoffer: Bei vielen Gruppen muss man die Multiplikatoren erreichen, etwa NGOs, Lehrer, Jugend­betreuer. Dann kommen auch Menschen eher, die sonst nicht ins Museum gelangen.
Susanne Wögerbauer: Ein wichtiger Aspekt sind aktuelle demografische Entwicklungen. Da tun sich Gruppen auf, die wir immer wieder neu anzusprechen haben: Menschen mit Demenz etwa, aber auch Flüchtlinge.

Wie sehr werden Überlegungen der Vermittlung in Ausstellungskonzepte einbezogen?
Susanne Wögerbauer: Es hängt viel von den Kuratoren ab, wie ich in meinen 15 Jahren am Belvedere beobachtet habe. Die Offenheit wird größer!
Claudia Ehgartner: Und unser Selbstbewusstsein wird auch größer. Vor 20 Jahren war man froh, wenn man etwas machen durfte.
Anne Wübben: Im Az W haben wir Architektur und Stadt als Thema. In der aktuellen Situation bieten sich Architektur-Touren auch an, um den Bewegungsradius von Flüchtlingen auszuweiten. Viele kennen den Praterstern und sonst nicht viel – das möchte man ihnen aber nicht als für Wien repräsentativ überlassen.

An welchem Ziel orientiert sich die Vermittlung? Oft gehen Bildungsziele ja an der Lebensrealität der Menschen vorbei.
Andreas Zimmermann: Es gilt, an die Lebensrealität anzuknüpfen. Bei jungen Leuten ist das etwa die Gender­thematik; auf die steigen wir ganz gezielt ein und erreichen viel mehr, als wenn wir nur die Metamorphosen des Ovid rauf- und runterdeklinierten, wie es Lateinlehrer oft wollen. Das macht 95 Prozent der unter 19-Jährigen aber nicht Lust darauf, in alte Kunst einzusteigen. Der Trend des Posings und die Selfie-Thematik etc. lassen sich dagegen etwa bei Velázquez, der oft nicht so ansehnliche Prinzen inszenierte, gut verfolgen.
Brigitte Hauptner: In unserem Projekt »Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz« geht es nicht darum, Wissen zu vermitteln. Vielmehr stellen wir gezielt Fragen, um Erinnerungen auszulösen, die ja bei Demenzkranken nicht so abrufbar sind wie bei uns – es kommen eher Erinnerungsinseln hoch, hervorgerufen durch Objekte, die diese Menschen sehen. Meist sind es Alltagsgeschichten, die an die Bilder anknüpfen. Das wollen wir verstärkt anbieten, um unsere Besucher ein Stück weit in eine für sie normale Welt zurückzubringen und ihnen eine schöne Zeit zu bescheren.
Andreas Zimmermann: Studien haben ergeben, dass die meisten Österreicher nicht ins Kunsthistorische Museum kommen, weil sie Angst vor den Bildungsinhalten haben und vermuten, da zu versagen. Das ist viel schlimmer als die alten Schwellenängste. Der Bildungsbegriff scheint noch immer so elitär von oben zu dräuen, dass viele Leute dem komplett ausweichen. Die Geschäftsführung hat nun eine Jahreskarte für unter 25-Jährige um 19 Euro eingeführt – das ist, glaube ich, ein großer Schritt. Wir haben auch eine Kunstvermittlungs-App auf Serbokroatisch und Türkisch lanciert, die hoffentlich zum Museumsbesuch verführt. Es gilt, die Leute da abzuholen, wo sie sind!

Welche Rolle spielt dann das Objekt, das Original?
Andreas Zimmermann: Das Museum ist das Gegenteil von virtuell. Es geht hier um eine Erfahrung, die man mit seinem Körper vor einem einmaligen Objekt macht. Für eine Authentizitätserfahrung ist das Museum einer der besten Orte überhaupt. Dazu gehört Zeit – und das Original.
Claudia Ehgartner: Uns ist schon auch wichtig, dass wir künstlerische Strategien oder kunstnahe Prozesse im Rahmen der Vermittlung durchführen, etwa in unserem Atelier.
Andreas Hoffer: Praktisches Tun kann die Auseinandersetzung mit einem Original verstärken. Es ist gut, sich auf verschiedenen Zugangswegen Originalen nähern zu können.
Claudia Ehgartner: Kunst ist aber oft auch widerständig, frustrierend, man ärgert sich über sie. Es ist nicht so, dass wir in der Kunstvermittlung nur schöne Erlebnisse herstellen.

Viele Menschen können das Original nicht sehen. Das Az W etwa bietet Führungen für Blinde an – wie funktioniert das?
Anne Wübben: Wir haben Modelle, etwa vom Karl-Marx-Hof, und Tastpläne hergestellt. Im Rahmen dieser Führungen fahren wir mit den blinden Teilnehmern zum Karl-Marx-Hof und lassen sie das Objekt abschreiten, damit sie die Dimension begreifen, und das Modell abtasten. Die Pläne haben den Sinn, dass sie die Erfahrung zu Hause noch einmal aktivieren können.
Susanne Wögerbauer: Mit dreidimensionalen Objekten tut man sich vergleichsweise leicht – es gibt auch im Belvedere ein Schlossmodell und Kopien von Skulpturen, die für Tastführungen freigegeben wurden. Bei zweidimensionalen Bildern versucht man, verbunden mit einer sehr genauen Beschreibung, alle Sinne anzusprechen – mit Gerüchen oder mit Gegenständen, die im Bild zu sehen sind und die man ertasten kann.
Andreas Zimmermann: Zu Zeiten der Kulturministerin Claudia Schmied haben wir ein halbes Dutzend relativ einfach komponierter Gemälde in Tastreliefs übersetzen lassen. Die damalige Leiterin der Gemäldegalerie, Sylvia Ferino Pagden, hat sofort zugestimmt, die Reliefs dauerhaft in der Galerie zu positionieren. Die Tastreliefs sind gerade auch für sehende Besucher eine Attraktion, weil Leute gern etwas »begreifen«.
Claudia Ehgartner: Wir haben etwa einen Schwerpunkt auf Seniorinnen und Senioren; sie sind fast schon Kollegen und entwickeln mit uns Workshops, die sie als Vermittler dann mit Kindern durchführen. Jugendliche sind bei uns ebenfalls ein Schwerpunkt.
Susanne Wögerbauer: Für viele Programme muss auch die Kompetenz da sein. Wir bieten etwa Förderungen für sprachlich heterogene Klassen an – da hätte ich mich nicht drübergetraut, wenn wir nicht zwei Vermittlerinnen im Team hätten, die auch als Sprachtrainerinnen tätig sind.
Andreas Zimmermann: Generell gilt: Die Kunstbetrachtung ist ein enormer Freiraum, der emanzipatorisches Potenzial bei den Besuchern freisetzt. Denn bei emanzipatorischen Kunstbetrachtungssituationen entsteht ein ganz wichtiges Gegenmodell zu allen ökonomischen Zwangszusammenhängen, in denen wir uns täglich bewegen.

Artikel von Michael Huber:

Michael Huber, geboren 1976 in Klagenfurt, ist seit 2009 für die Kunstberichterstattung der Tageszeitung »Kurier« verantwortlich. Er studierte Kommunikationswissenschaft und Kunstgeschichte in Wien sowie New York (NYU) und schloss 2007 ein Master-Programm für Kulturjournalismus an der Columbia University, New York, ab.


Share your selection:
Add event to selection