»Kunstmessen sind Schaufenster«

Chancen und Risiken für die Galerienszene heute

Henrikke Nielsen, Croy Nielsen Gallery; Umer Butt, GreyNoise Gallery; Oliver Croy, Croy Nielsen Gallery; Andreas Huber, Galerie Andreas Huber; and Emanuel Layr, Galerie Emanuel Layr (f. l. t. r.) Photo: Sebastiano Pellion di Persano

Sind Galerieräume in Zeiten der Digitalisierung und des Kunstmessen-Booms obsolet geworden? Und welche Rolle spielt im internationalisierten Kunstbetrieb eine lokale Kunstszene? Galeristen aus Berlin, Dubai und Wien im Gespräch.

In Zeiten, da das Modell Kunstmesse vorherrscht und die Digitalisierung so viele Möglichkeiten bietet: Wie wichtig ist es für eine Galerie, einen konkreten Raum zu haben?
Henrikke Nielsen: Für mich stehen Galerieraum und Standort nach wie vor im Vordergrund – so wichtig Kunstmessen etc. inzwischen auch sind. Das Programm einer Galerie entwickelt sich ja aus den Ausstellungen vor Ort, die zentrale Aufgabe jeder ernstzunehmenden Galerie bleiben. Auch wenn Galerien heute – zumindest, was den Verkauf betrifft – meist weniger als früher vom lokalen Markt und Publikum abhängen, ist die Kunstszene vor Ort doch sehr wichtig. Die dort stattfindenden Diskussionen, die Menschen, die zu Vernissagen kommen … All das trägt auch zu einer breiteren Wahrnehmung bei.
Emanuel Layr: Meiner Meinung nach wird der Standort sogar wieder wichtiger. Für Galerien, die mit ihren Künstlern sehr eng zusammenarbeiten, spielen die Produktionsbedingungen eine ebenso große Rolle wie der Rückhalt vor Ort durch Institutionen und Sammler. Kunstmessen sind eher Außenposten oder Schaufenster – man nützt sie, um das Programm der Galerie zu kommunizieren.
Umer Butt: Ich arbeite mit einem ganz speziellen Schwerpunkt, nämlich Konzeptkunst, vom sehr jungen (Kunst-)Markt Dubai aus. Sehr viel hängt davon ab, wo wir unser Programm präsentieren. Der Standort ist wichtig! Ich hätte unheimlich gern einen Schauraum in Europa – wenn man nur den Zug oder einen Billigflug nehmen muss, um einen potenziellen Sammler zu treffen oder sich bei einer Institution vorzustellen, ist es viel einfacher, seine Künstler sichtbar zu machen.

Wie wichtig ist die Kunstszene vor Ort für Ihre Arbeit als Galeristen?
Umer Butt: Ich bin überzeugt, dass eine »lokale« Kunstszene dort entsteht, wo »Kunst« in einem klaren Diskurs und mit akademischem Hintergrund stattfindet. Für eine Kunstszene braucht es eine Kunst(hoch)schule – in Dubai existiert selbiges noch nicht. Auch Galerien bereiten, über den Verkauf hinaus, den Boden für die Karriere eines Künstlers. Die Beteiligten müssen zusammenkommen, Arbeiten sehen, Konzepte diskutieren und netzwerken können. So ein Raum ist wichtig für eine Gesellschaft!

Apropos lokale Kunstszene: Worin unterscheidet sich der Galeriebetrieb in Berlin von jenem in Wien?
Henrikke Nielsen: Wir übersiedeln gerade unsere Galerie von Berlin nach Wien. In den vergangenen Jahren haben wir die Entwicklung in Wien beobachtet und sehen hier eine Menge Potenzial: Neben großen Institutionen hat auch die Akademie der bildenden Künste viel zu bieten, etwa interessante Professoren. Auch die Mischung aus Geschichte und Tradition einerseits und zeitgenössischem Diskurs andererseits ist für uns attraktiv. Natürlich hat Berlin unser Programm und unser Profil geprägt. Wir freuen uns schon darauf zu sehen, was sich durch den Umzug in das Wiener Umfeld verändern wird!

Welche Eigenheiten prägen Wiens Galerienszene?
Emanuel Layr: Was die Produktion betrifft, sind die Möglichkeiten vielfältig. Wien ist nicht hip, ihm kommt nicht so viel Aufmerksamkeit zu wie Berlin oder New York – was einem umgekehrt Zeit lässt, Dinge nachhaltig zu entwickeln. Sicher ist: Wien stellt ein »Umfeld« bereit – die Offspaces, für die die Stadt bekannt ist, aber auch Institutionen wie die Secession oder die Kunsthalle Wien, die in den regen Austausch der lokalen Kunstszene eintreten. Was Sammlungen oder die langfristige Begleitung künstlerischer Prozesse angeht, könnte das Engagement aber sicher größer sein.
Andreas Huber: Ja, Mut zum Neuen ist keine Wiener Erfindung. Man muss viel Zeit und Energie investieren, um neue Künstler – vor allem aus dem Ausland – hier einzuführen. Abgesehen davon bietet die Stadt aber einen kreativen Lebensraum für die Kunst. Wien hat immer von der besonderen Verbindung aus Alt und Neu profitiert, sich hinter seiner historischen Fassade beständig verändert. Neue Kunst wird weiterhin entstehen, weil Wien für viele ein inspirierender Ort ist.

Artikel von Dominikus Müller:

Dominikus Müller ist Autor und Chefredakteur von »frieze d/e«. Er lebt in Berlin.


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