Kunst und Politik

Wie Ai Weiwei die Wirklichkeit transformiert

Agnes Husslein-Arco and Ai Weiwei © Belvedere, Wien

Im Vorfeld der Ausstellung »AI WEIWEI. translocation – transformation« im 21er Haus und im Belvedere sprachen Agnes Husslein-Arco und Ai Weiwei über die Aufgabe der Kunst als Seismograph der Zeit, über die Arbeit des Künstlers an der Schnittstelle von Gesellschaft, persönlicher Wahrnehmung und Öffentlichkeit sowie über die Sensibilität eines Aktivisten, der die Zustände verändert. Die von Alfred Weidinger kuratierte Ausstellung ist noch bis zum 20. November 2016 zu sehen.

Frau Husslein, zum ersten Mal wird Ai Weiwei, der wichtigste chinesische Künstler seiner Generation, in Wien gezeigt. Was hat Sie dazu bewogen, ihn einzuladen?
Agnes Husslein-Arco: Trotz seiner außerordentlichen Bedeutung war Ai Weiwei in Österreich bisher in keiner vergleichbaren Einzelausstellung zu sehen. Es war daher naheliegend, ihn zu einem gemeinsamen Projekt einzuladen. Mit »translocation – transformation« entwickelten wir ein Konzept, das weit über das einer simplen Personale hinausgeht. Die Ausstellung beschäftigt sich nicht nur mit Aspekten von Ai Weiweis Biografie, sondern greift auch Themen auf, die gewissermaßen jeden von uns tangieren und darüber hinaus natürlich von aktueller Brisanz sind.

Ai Weiwei, was planen Sie für Ihre Einzelausstellung im Belvedere in Wien?
Ai Weiwei: Wien ist ein faszinierender Ort, so reich an Geist und zeitgenössischer Kunst. Es freut mich sehr, an dieser Tradition teilhaben zu können. Das 21er Haus bietet mir die Gelegenheit, eine sehr ambitionierte Arbeit auszustellen. Es gehört eine gehörige Portion Wahnsinn dazu, dieses Projekt mit mir durchzuziehen; alleine schaffe ich das nicht. Es braucht einen Kurator mit einer Vision, der ambitioniert, aber auch ein wenig durchgeknallt ist. Das ist ganz wichtig und kann eine Ausstellung zu etwas Besonderem machen. Überhaupt ist eine Ausstellung nicht bloß eine Schau; sie muss immer auch eine geistige Herausforderung sein, sonst ist sie uninter­essant. Sie muss für den Veranstaltungsort ebenso von Bedeutung sein wie für die Kuratoren, den Künstler und die Besucher. Es kommt sehr selten vor, dass alle diese Bedingungen erfüllt werden; vielleicht zwei oder drei, aber selten alle vier. Ich denke, dass hier in Wien alle vier Faktoren gegeben sind, und ich bin sehr gespannt zu sehen, was daraus entsteht. Ich glaube, es wird ein besonders schönes und in seiner Art einzigartiges Ereignis, das sich so nicht wiederholen lässt. Es hat mich wirklich vor große Herausforderungen und Hindernisse gestellt. Einmal meinte der Kurator, etwas sei nicht machbar, und ich dachte mir: Das wollen wir doch mal sehen! Aber Schritt für Schritt sind wir der Sache nähergekommen. Der Prozess war mühsam, manchmal schmerzhaft, oft scheinbar ausweglos. Aber dank meiner Beharrlichkeit und der Einstellung und Geduld des Kurators haben wir einiges auf die Beine gestellt und sind gut vorangekommen. Nun heißt es abwarten, wie die Ausstellung ankommt.

Ai Weiweis Ausstellungsbeitrag wird sich von den Innenräumen des 21er Haus bis zur Parkanlage und in die Räume des Oberen Belvedere erstrecken. Wie kam es dazu?
Agnes Husslein-Arco: Die gezeigten Arbeiten spiegeln die Auseinandersetzung des Künstlers mit Ortswechseln und transformativen Prozessen wider. Das Ausstellungskonzept basiert auf diesen Gedanken und begründet die Entscheidung, die Werke an verschiedenen Standorten zu zeigen.

Ai Weiwei, Sie beziehen sich in Ihrer Kunst häufig auf aktuelle politische Ereignisse wie die Flüchtlingskrise in Europa. Sie haben in einer Aktion auf das tragische Schicksal des ertrunkenen Flüchtlingskindes Alan Kurdi verwiesen und in Berlin die Säulen des Konzerthauses mit gebrauchten Rettungswesten von Lesbos verkleidet. Derzeit arbeiten Sie an einem Film über Flüchtlinge. Glauben Sie an die verändernde Kraft der Kunst?
Ai Weiwei: Wir Künstler fungieren als Medium. Oft erleben, spüren und betrachten wir die Wirklichkeit durch uns selbst, aber das genügt nicht immer, und das ist eine sehr schmerzliche Erkenntnis. Als Medium muss man sich fragen, in welcher Beziehung man zur Umgebung steht. Man muss eine Sprache finden, um der Öffentlichkeit und sich selbst zu zeigen, wie die Dinge um einen herum funktionieren. Dadurch ist man permanent angreifbar und gefährdet, wird von der Öffentlichkeit kritisch beäugt. Aber das macht Kunst eben aus. Kunst, die faszinierend und relevant ist, hat die Kraft, uns in einen anderen Zustand zu versetzen. Sie ist stark und klar und hat etwas unbequem Sensorisches an sich, etwas befremdlich Investigatives, das unsere Weltanschauung und unsere Wahrnehmung bestimmter Ereignisse prägt.
Statt zu moralisieren, überlassen wir Künstler jedes moralische Urteil der Öffentlichkeit, die entweder religiös motiviert oder mit gesundem Menschenverstand handelt. Aber das hat mit Kunst nichts zu tun. Kunst will die Sinne für den Moment schärfen, den wir ungefiltert, ohne Schutz und Anleitung, nackt und voller Neugier empfinden sollen. Ich denke, dass Transformation der wichtigste Aspekt künstlerischer Arbeit ist. Ohne sie kann die Wirklichkeit sehr grob, unempfindlich, ja brutal sein. Transformation in Form von Kunst versetzt uns an einen anderen Ort oder übersetzt vielmehr unmenschliche Ereignisse in eine Sprache, die wir begreifen können. Dies tut sie durch Schönheit, manchmal, indem sie uns erschüttert oder wütend macht, aber sie bleibt immer Teil von uns selbst.

Frau Husslein, wie politisch soll Gegenwartskunst Ihrer Meinung nach sein? Kann Kunst politische und gesellschaftliche Verhältnisse verändern? Soll sie es?
Agnes Husslein-Arco: Ich sehe zeitgenössische Künstler als wichtige Seismographen unserer Gesellschaft. Angesichts der internationalen politischen Herausforderungen bin ich davon überzeugt, dass wir in den kommenden Jahren verstärkt Arbeiten sehen werden, die das Weltgeschehen unmittelbar reflektieren. Ob es der Kunst schlussendlich gelingt, Verhältnisse zu verändern, vermag ich nicht zu beurteilen, aber es ist durchaus legitim, dass sie darauf aufmerksam macht.

Ai Weiwei, im Hinblick auf den Einsatz Ihrer Publizität und den Umgang mit Alltagsobjekten werden Sie immer wieder mit Künstlern wie Andy Warhol und Marcel Duchamp verglichen, die ein demokratisches Verständnis von Kunst im 20. Jahrhundert deutlich vorangetrieben haben. Wie demokratisch soll/kann Kunst sein?
Ai Weiwei: Ich denke, dass Warhol und Duchamp die Kunst von einem theoretischen Überbau befreit haben, von einer konkreten Vorstellung davon, wie wir Kunst zu sehen, zu verstehen und zu befinden hätten. Kunst kann sehr oberflächlich sein, zum Beispiel wenn sie schlicht Freude bereitet oder unterhält. Ich glaube, Warhols und Duchamps Zugang war eher ein intellektueller als ein formalistischer. Beide haben einen großen Schritt nach vorne gemacht und die Grundlage dafür geschaffen, dass der Geist aller Menschen gleichsam befreit werden kann. Ich bin voller Bewunderung für sie und ihre Arbeiten, so minimalistisch sie auch gewesen sein mögen. Aber im Grunde wollten sie schlicht ihre Zeit interpretieren, ihren Geisteszustand darstellen und mit dem Betrachter in einen direkten Dialog treten. Ihre Kunst konnte massentauglich sein wie die von Warhol oder eine kleine intellektuelle Elite ansprechen wie jene von Duchamp. Sie beide haben in ihren Arbeiten Grenzen ausgelotet, was ich sehr interessant finde.

Sie setzen sich für westliche Werte wie jene der Aufklärung, für Meinungsfreiheit und die Aufdeckung von Korruption ein. Dabei liefern Sie sich immer wieder großen Risiken aus; Sie wurden ins Gefängnis gesperrt und hatten Reiseverbot. Zerreißen Sie sich nicht manchmal in Ihrer Rolle als Aktivist?
Ai Weiwei: Ein schöner Gedanke, dass ich mich zerreiße … Wenn ich mich für meine Kunst zerrissen habe, so ist daran nichts Schlechtes. Meine Arbeiten waren stets orts- und realitätsbezogen. Ich versuche immer, eine Situation mit meinen Ausdrucksmöglichkeiten festzuhalten. Nichts anderes habe ich in China gemacht – die Folgen sind bekannt. Aber jede Handlung ist bedeutungslos, wenn sie ohne Folgen bleibt. Meine Handlungen müssen also eine gewisse Bedeutung haben. Hauptsache, man handelt! Natürlich wissen wir im Vorhinein nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden; wir können die Folgen unseres Tuns nicht voraussehen. Aber solange wir noch in der Lage sind, zu handeln und aus unseren Handlungen zu lernen, werde ich mich nicht davon abhalten lassen.

Artikel von Alfred Weidinger und Angela Stief:

Alfred Weidinger, seit 2007 im Belvedere. Chef­-
kurator und Vize­direktor, zuvor Kurator und Vize­direktor in der Wiener Albertina. Seine rezentesten Ausstellungen über zeitgenössische Kunst im 21er Haus waren »Gelatin – Loch«, »Peter Weibel – Medienrebell«, und gemeinsam mit Luisa Ziaja kuratierte er »Oswald Oberhuber«.

Angela Stief, geboren 1974 in Augsburg, Deutschland. Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Von 2002 bis 2013 Kuratorin der Kunsthalle Wien. Sie lebt und arbeitet als selbstständige Kuratorin und Publizistin in Wien.


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