Kunst im Hochhaus

Neuer Kunstverein Wien

Katarzyna Uszynska and Felicitas Thun-Hohenstein Photo: Marlene Rahmann

Es ist das älteste Hochhaus in Wien. Nach den Plänen der Architekten Siegfried Theiss und Hans Jaksch entworfen, wurde es 1932 fertiggestellt. Die 50 Meter hohe Gebäudeanlage mit 224 Wohnungen in der Herrengasse 6–8 ist eine Sehenswürdigkeit – und das nicht nur wegen der Architektur, sondern auch wegen des Neuen Kunstvereins Wien (NKW). Seit 2013 hier residierend, ist er zu einer der wichtigsten Adressen für junge Kunst in der Stadt geworden.

2011 als Vorstandsverein gegründet, ging die Initiative damals von Katarzyna Uszynska aus, die sich mit Elise Mougin-Wurm, Sabine Martin und Chiara Redini drei weitere Frauen dazuholte. »Der Neue Kunstverein Wien ist weder ein Künstlerverein noch ein klassischer Mitgliederverein, sondern eine private, als Verein organisierte Initiative. Die schlanke Struktur des Neuen Kunstvereins Wien erlaubt es uns, spontan, flexibel und kostengünstig auf aktuelle künstlerische Positionen und Anliegen zu reagieren«, erklärt Uszynska.

Als Grundbudget steht dem NKW eine staatliche Förderung von 22.000 Euro jährlich zur Verfügung. Gezeigt werden vier bis sechs Ausstellungen pro Jahr, Performances, Videokunst oder Installationen (etwa von João Onofre, Toni Schmale, Kay Walkowiak), Werkschauen (etwa zu Barbara Hammer und der rumänischen Sigma1 Group), dazu auch Vorträge und Diskussionen. Man wolle Kunst entdecken – von unbekannten, aber auch von fast vergessenen Künstlern und vor allem Künstlerinnen, »und dies in Reaktion auf spannende, auch wechselnde Orte«, beschreibt Gründerin Katarzyna Uszynska die Programmatik. Und erklärt gleich auch den Namen: »›Neu‹ steht im Namen, weil es bereits einen Kunstverein in Wien gibt – nämlich die Alte Schmiede. Zum anderen steht es für neue Kunst, neue Ideen, neue Räume.«

Im Konzept der wechselnden Räume liegt auch eine Besonderheit des Neuen Kunstvereins Wien: Er ist nicht auf eine fixe Türnummer in dem großen Haus festgelegt, sondern zieht quer durch alle Stockwerke. Aktuell wird eine jener Einheiten bespielt, die ursprünglich für Familien geplant war – inklusiv eines Zimmers für Dienstmädchen. Seit 2014 unterstützt den Vorstand ein Freundesverein, dessen Präsidentin Felicitas Thun-Hohenstein auch Ausstellungen im NKW kuratiert. Sie ist Professorin am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft der Akademie der bildenden Künste Wien. »Durch meine Lehre sehe ich, wie notwendig Ausstellungen für junge Künstlerinnen und Künstler nach Abschluss ihres Studiums sind und welches große Manko da in Wien besteht«, betont Thun-Hohenstein. Deswegen legt sie als Kuratorin im NKW den Schwerpunkt auf junge österreichische Kunst, im Herbst mit der Ausstellung »Painting Is Not The Issue«. Statt einer medienkonformen Thematisierung stellt sie die Malerei »in den Kontext einer performativen Kunstpraxis«, in der die intermedialen, also auch die körperlichen Aspekte von Malerei zur Diskussion stehen. Ein Thema des »diskursiven Labors« wird auch die »immer größer werdende Diskrepanz zwischen neoliberalen Verhältnissen und künstlerischen Vermarktungsstrategien« sein – denn der Neue Kunstverein Wien ist nicht nur ein Ausstellungsort, sondern auch ein durchaus politisches Diskussionsforum.

Artikel von Sabine B. Vogel:

Sabine B. Vogel, promovierte Kunsthistorikerin. Seit 2003 Lektorin an der Universität für angewandte Kunst Wien; seit 1987 freie Kuratorin und Kunstkritikerin; seit 2009 Präsidentin AICA Austria.


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