»Künstler waren schon immer eine Stimme der Vernunft«

Francesca Habsburg über die Zukunft ihrer Foundation

Francesca Habsburg Photo: Irina Gavrich, © TBA21, Vienna, 2015

Vor mehr als einem Jahr beschloss Francesca Habsburg, die Tätigkeit ihrer Thyssen-Bornemisza Art Contempo­rary Foundation in den Dienst der drängendsten Fragen unserer Zeit zu stellen und die »Universalsprache« der Kunst für Wissenschaft und Umwelt anzuwenden – mit besonderem Fokus auf die Ozeane. Seit über einem Jahrzehnt erteilt TBA21 Aufträge zu Kunstprojekten. Daraus entstanden bedeutende Werke, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Fragen ansprechen und die persönlichen Ansichten der Gründerin der Stiftung widerspiegeln. Im Gespräch mit Irene Gludowacz beschreibt Francesca Habsburg ihre jüngsten Projekte und ihre Pläne für die Zukunft.

Das Hauptaugenmerk der TBA21 liegt auf Wissenschaft und Natur. Welcher Art sind die Projekte der Academy?
Francesca Habsburg: Ich habe die TBA21 Academy als Plattform gegründet, um unsere interdisziplinäre Arbeit auf eine neue Ebene zu heben. Wissenschaft und Naturschutz dienen den in die Projekte eingebundenen Künstlerinnen und Künstlern als Ausgangspunkt. Wir bringen Kunst- und Kulturschaffende mit Wissenschaftlern zusammen und laden sie an die entlegensten Orte der Erde ein. Mit Markus Reymann, dem Leiter der Akademie, haben wir das dreijährige Fellowship-Forschungsprogramm TBA21 The Current im Pazifischen Ozean ins Leben gerufen. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, Kunst zu schaffen, sondern neue Möglichkeiten der Wissensproduktion anzustoßen und Lösungen aufzuzeigen, wie ein Umdenken eingeleitet werden könnte. The Current wurde initiiert, um ehrgeizige, unkonventionelle Projekte anzustoßen und in die Öffentlichkeit zu tragen, die sich nicht in traditionelle Kunstkategorien pressen lassen. Dabei bleibt stets der Weg das Ziel.

Wie ist The Current strukturiert, wie funktioniert es und was sind die Pläne für die Zukunft?
Francesca Habsburg: Die Programmteilnehmer begeben sich unter der Leitung zweier Kuratoren auf ein Expeditionsschiff. Die ersten zwei Expeditionen von The Current führten Kunstschaffende und Forscher unter der Leitung von Ute Meta Bauer (Gründungsdirektorin des NTU Centre for Contemporary Art in Singapur) und Cesar Garcia (Gründungsdirektor und Chefkurator von The Mistake Room in Los Angeles) 2015 nach Papua-Neuguinea. Jeder Expedition folgt Monate später ein öffentlicher Konvent, bei dem die Teilnehmer von ihren Erfahrungen auf See und bei der gemeinsamen Feldforschung berichten. Dort treffen sie auf Künstler, Wissenschaftler und lokale Projektbeteiligte, die als Proponenten und Stimmen des Wandels in Erscheinung treten. Die erste derartige Zusammenkunft fand in Kingston, Jamaika, in Kooperation mit dem Jamaican Dance Theater und der University of the West Indies statt; die nächste folgt in Indien während der Kochi-Muziris Biennale im Dezember. Auf den Pazifik-Inseln sprang uns ins Auge, welch verheerende Auswirkungen der Klimawandel auf die Kommunen hat – etwa die steigende Zahl an Klimaflüchtlingen, die selbst nur ein bis zwei Prozent der globalen Emissionen verursachen, aber von 99 Prozent der Folgen betroffen sind. Wir haben uns also gefragt, was wir dazu beitragen können, dieses Missverhältnis zu korrigieren, nachdem sich der Emissionshandel als unwirksam erwiesen hat. Künstler waren schon immer eine Stimme der Vernunft. Heute verweigern sich viele von ihnen dem üblichen, vom Markt bestimmten Streben. Sie setzen sich mit drängenden Fragen unserer Zeit auseinander, ermutigen die Menschen zur Teilhabe und animieren sie dazu, sich der Bewegung anzuschließen.

Wie wollen Sie mithilfe von Kunst und Kunstschaffenden Lösungen für diese drängenden Probleme finden?
Francesca Habsburg: Als ich die TBA21 ins Leben rief, stand für mich die Konzeptkunst im Vordergrund. Dann beschloss ich, die Foundation für Gegenwartskunst mit Künstlern kooperieren zu lassen, die uns zu neuen Lösungen und einer besseren Zukunft inspirieren können … und viele Vertreter der Kunstwelt runzelten die Stirn. Aber es blieb nicht unbeachtet, dass wir laufend Künstler einluden, die sich mit gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetzen: 2006 gab es ein Projekt mit Kutlug˘ ğ Ataman; bei Amar Kanwar standen die Umwelt und die verheerenden Folgen des unkontrollierten Bergbaus im Mittelpunkt; und Christoph Schlingensief gab sich natürlich sehr politisch. Aus heutiger Sicht waren das die erfolgreichsten Projekte der TBA21. Es lag also nahe, dass wir uns künftig auf diese Themen konzentrieren. Das Vorjahresprojekt mit Ernesto Neto war ein großer Schritt in diese Richtung. Im Grunde handelte es sich dabei um ein Gemeinschaftsprojekt mit den Huni Kuin, einem indigenen Stamm aus einer entlegenen Region des brasilianischen Regenwalds im Bundesstaat Acre, an der Grenze zu Peru. Wie Neto die Huni Kuin in sein Kunstprojekt einbaute, war bezeichnend: Er betrachtete sie nicht bloß durch eine anthropologische Linse, sondern untermauerte ihre Stellung und gab ihnen jene Stimme, die sie so dringend brauchen. Dennoch wurde das Projekt zwiespältig aufgenommen und stieß bei manchen heimischen Grün-Politikern auf Ablehnung. Tatsächlich wurden die Huni Kuin mit größtem Respekt behandelt. Durch die Ausstellung bekamen sie so viel Aufmerksamkeit, Unterstützung und dringend benötigte finanzielle Mittel. Das Projekt mag kompliziert und kontrovers gewesen sein, aber es war auch ein außerordentlich großer Erfolg. Olafur Eliassons Projekt »Green light« thematisierte die große Unsicherheit sowohl der Flüchtlinge, deren rechtlich-politische Situation vielfach ungewiss ist, als auch der europäischen Gesellschaften, die sie aufnehmen. Für uns bedeutete es einen schwierigen Lernprozess, mit den emotionalen Aspekten dieses Projekts zu Rande zu kommen und das Gleichgewicht aus tiefem gegenseitigen Respekt und Fürsorge für alle Beteiligten zu finden.

Gibt es auch andere Kunstschaffende, die sich diesem Bereich widmen?
Francesca Habsburg: Eine Gruppe von Künstlern hat uns auf die Kokos-Insel begleitet. Julian Charrière und Andrew Randall betreiben wichtige Feldarbeit. Charles Stankievech, der im vergangenen Jahr an der »Rare Earth«-Ausstellung und an der Expedition teilnahm, ist bekannt für seine Arbeiten in der Arktis. Tomás Saraceno hat das Projekt »Aerocene« ins Leben gerufen, das einen von fossilen Treibstoffen freien Flugverkehr in den Mittelpunkt rückt. Doug Aitken entwirft im Rahmen eines Projekts von »Parley for the Oceans« Unterwasser-Pavillons an Stellen, die die legendäre Meeresbiologin Sylvia Earle zu »Hope Spots« erklärt hat. Und die groß­artige Klangkünstlerin Jana Winderen arbeitet an »Silencing the Reefs« … Ich war völlig überrascht vom Tsunami an Projekten, der über uns hereingebrochen ist, seit wir so etwas wie ein Mutterschiff für Gleichgesinnte sind: Zu uns kommen Künstler, aber auch Wissenschaftler, Meeresbiologen, Filmemacher, Philosophen, Bildungseinrichtungen und Politiker. Die TBA21 definiert sich nun als Stiftung völlig neu, damit wir das große Interesse an unserer Arbeit bewältigen, daran wachsen und uns den damit verbundenen Herausforderungen und der Verantwortung stellen können.

Setzen sich auch andere Kunsteinrichtungen mit diesen Themen auseinander?
Francesca Habsburg: Auf Einladung Peter Weibels nahmen wir an einer Konferenz mit Bruno Latour im Rahmen der Ausstellung »GLOBALE: Reset Modernity!« am ZKM Karlsruhe teil. Dabei hatte ich Gelegenheit, mich mit ihm zu unterhalten – er ist eine bedeutende Persönlichkeit und ein wichtiger Bezugspunkt für uns. Die Ausstellung war fantastisch und eine neue Erfahrung für mich. Latour bezeichnet unser Zeitalter als Anthropozän, weil der Mensch die Natur als Naturgewalt abgelöst hat. Das bestärkt mich in meiner Entscheidung von vor eineinhalb Jahren.

Artikel von Irene M. Gludowacz:

Irene M. Gludowacz war nach abgeschlossenen Studien an den Kunstakademien Wien (AfBK) und Berlin (UdK) zunächst als Mode- und Produktdesignerin tätig. Nach Stationen in New York, Paris und München lebt sie heute wieder in Wien und ist als Autorin, Kuratorin und PR-Kommunikationsbeauftragte im internationalen Kunstmanagement für Sammlungen, Stiftungen, Museen und Unternehmen aktiv.


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