Junge Kunst im mumok

Karola Kraus und Anna-Sophie Berger über die Bedeutung von Kunstpreisen

Karola Kraus und Anna-Sophie Berger

Die Kapsch AG und das mumok haben heuer erstmalig den Kapsch Contemporary Art Prize ausgelobt. Zehn Kunstexperten nominierten 17 Bewerberinnen und Bewerber, aus denen eine Jury – bestehend aus Georg Kapsch, CEO der Kapsch Group, den Kuratorinnen Eva Birkenstock und Stephanie Weber, Yilmaz Dziewior, Direktor Museum Ludwig, und Karola Kraus, Direktorin des mumok – wählte: Anna-Sophie Berger gewinnt 2016 erstmalig den mit 5.000 Euro dotierten Kunstpreis, der auch mit einer Einzelausstellung im mumok verbunden ist. Sabrina Möller sprach mit Anna-Sophie Berger und Karola Kraus über den Kapsch Contem­porary Art Prize und die gegenwärtige Bedeutung von Kunstpreisen.

Aus welchem Bestreben heraus wurde dieser neue Kunstpreis ins Leben gerufen? Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Kapsch Group?
Karola Kraus: Als die Baloise Group ihren Firmensitz in Wien aufgab, ging unsere erfolgreiche Zusammenarbeit nach zehn Jahren bedauerlicherweise zu Ende. Ich bin glücklich, mit der Kapsch Group einen neuen Partner gefunden zu haben. Der Kapsch Contemporary Art Prize dient der Förderung junger Künstlerinnen und Künstler, die ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben.

In diesem Jahr hat sich die Jury für Anna-Sophie Berger entschieden, die im Rahmen des Preises mit einer Einzelausstellung im mumok präsentiert wird. Ein wichtiger Schritt, stand doch gerade das mumok in den vergan­genen Jahren immer wieder in der Kritik, die gegenwärtige junge Kunstszene in Österreich zu wenig zu berücksichtigen. Ist der Preis auch als eine Art Statement zu verstehen?
Karola Kraus: Die Berücksichtigung aktueller Positionen erachte ich nicht nur als Kernaufgabe des Museums mit einem expliziten bildungspolitischen Auftrag, sondern zum innovativen Profil eines Museums für zeitgenös­sische Kunst gehörend. Ebenso wie in Bezug auf das Sammeln sehe ich auch in Hinblick auf das Ausstellen eines meiner zentralen Anliegen darin, frühzeitig prägende künstlerische Positionen aufzuspüren und ihnen Raum und öffentliche Präsenz zu geben.

Es gibt viele anerkannte Preise, die – neben dem monetären Aspekt – die Sichtbarkeit von Kunstschaffenden erhöhen und Trends setzen. Welche Bedeutung haben Kunstpreise? Inwieweit sind sie aus künstlerischer beziehungsweise institutioneller Perspektive relevant?
Anna-Sophie Berger: Ein Artikel im Nachrichtenmagazin »profil« beschrieb vor einiger Zeit das Fehlen junger österreichischer Künstlerinnen und Künstler in den musealen Programmen. Ohne polemisch zu werden, würde ich sagen, dass es den Institutionen im Kampf um den Erhalt von Besucherzahlen nicht immer gelingt, der Aufgabe nachzukommen, jüngere, unbekanntere Kunstschaffende zu zeigen und diese auch längerfristig zu fördern. Ein Kunstpreis kann helfen, sich dieser Gruppe ganz gezielt zu widmen.
Karola Kraus: Neben dem Preisgeld erhält der Preisträger oder die Preisträgerin eine Einzelausstellung im mumok samt einem dazu erscheinenden Katalog. Weiters kauft die Kapsch Group eine Arbeit für unsere Sammlung an. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass diese Art der Förderung für einige Künstlerinnen und Künstler zum Sprungbrett für eine internationale künstlerische Karriere wurde.

Klaus Albrecht Schröder, der Leiter der Wiener Albertina, sagte kürzlich, Museen machten »keine Künstler mehr, sie werden vom Markt gemacht«. Inwieweit stimmen Sie Schröder zu? Haben sich die Position und die Macht von Institutionen beziehungsweise institutionellen Ausstellungen verschoben?
Karola Kraus: Die zeitgenössische Kunst wird seit einigen Jahren von den hyperaktiven Bewegungen am Kunstmarkt geprägt. Es entwickelte sich eine Szene, die von außergewöhnlicher Energie, Enthusiasmus, Rasanz und Konkurrenzkampf geprägt ist. Demgegenüber steht das Museum, dessen zentrale Aufgabe die Bewahrung eines künstlerischen und kunsthistorischen Gedächtnisses ist. Bei unserer Arbeit geht es nicht um die Frage, welchen monetären Wert ein Kunstwerk hat, sondern darum, was wir als Gesellschaft aufbewahren und was zukünftig unsere Geschichte erzählen wird.
Anna-Sophie Berger: Meine Kritik gilt hier der dualistischen Darstellung eines komplexeren Problems. Wer ist der Markt? Und schließt er als abstrakte Größe Galerien mit ein, die von den Museen als Geldgeber für Ausstellungen herangezogen werden? Da die Handlungsfähigkeit der Institution in direktem Zusammenhang mit der Politik steht, ist es notwendig, sich gegen diese zu wehren, um Freiheitsräume zu verteidigen, anstatt durch Schlagwörter zu antagonisieren und sich paternalistisch Ansprüchen an Karrieren hinzugeben.

Welche Kriterien hat die Jury des Kapsch Contemporary Art Prize für ihre Entscheidung herangezogen?
Karola Kraus: Anhand der von den nominierten Künst­lerinnen und Künstlern eingereichten Unterlagen diskutierten wir sowohl die inhaltliche als auch die formale Qualität ihres bisherigen Schaffens. Anna-Sophie Berger überzeugte die Jury nicht nur durch die Vielfalt der von ihr ausgewählten Medien, sondern auch durch ihre Übersetzung aktueller Bilderlogiken in Installationen. Dabei ist es charakteristisch für ihr Werk, dass sich die von ihr behandelten Inhalte überlagern. So tauchen Bergers Arbeiten, Schnappschüsse und Selfies – jeweils gleich­zeitig und gleichwertig – in unterschiedlichen virtuellen und realen Räumen auf.

Was waren Ihre ersten Überlegungen zu Ihrer kommenden Ausstellung, Frau Berger, nachdem Sie von dem Preis erfahren haben?
Anna-Sophie Berger: Ich hatte seit einiger Zeit eine skulpturale Idee, die aus mehreren Gründen einen größeren logistischen Aufwand verursacht und die konzeptionell mit dem Kontext lokaler Institutionen verbunden ist. Daher war mein erster Gedanke, diese Idee für das mumok umzusetzen.

Die Kapsch Group wird im Rahmen des Kunstpreises für das mumok eine Arbeit ankaufen. Welche Arbeit wünschen Sie sich für Ihre Sammlung im mumok?
Karola Kraus: Für ihre Einzelausstellung im mumok entwickelt Anna-Sophie Berger eine ortsspezifische Installation, die sich mit der Architektur des Ausstellungsraumes auseinandersetzt und die Dialog- und Diskursfähigkeit unserer Gesellschaft analysiert. Gemeinsam mit meinem Kuratorenteam und Herrn Kapsch werden wir aus der Ausstellung eine repräsenta­tive Arbeit oder einen Werkblock für unsere Sammlung auswählen.

Artikel von Sabrina Möller:

Sabrina Möller lebt und arbeitet in Wien, geboren wurde sie in Deutschland. Bereits während ihres Studiums gründete sie den Blog »art and signature«. Heute ist sie Herausgeberin des Kunstmagazins »keen on« und schreibt für verschiedene Magazine in Deutschland, Österreich und der Schweiz.


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