Grüner Archipel mit Großskulpturen

Über die Neugestaltung des Südtiroler Platzes in Wien

Christian Wagner und Michael Sailstorfer Foto: Marlene Rahmann

Bislang fristete der Südtiroler Platz ein Schattendasein, vielen gilt er gar als »Unort«. Das wird sich mit seiner Neugestaltung ändern. Christian Wagner, zwoPK Landschaftsarchitektur, Wien, und der in Berlin lebende Künstler Michael Sailstorfer über die Herausforderungen jenes Platzes, der am Hauptbahnhof Ankommenden einen ersten Eindruck vom öffentlichen Raum in Wien gibt … und über ihr Projekt, das Landschaftsarchitektur und Kunst vereint.

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit für den Südtiroler Platz?
Christian Wagner: Unser Büro zwoPK Landschaftsarchitektur wurde dazu eingeladen, am Wettbewerb zur Neugestaltung des Wiener Südtiroler Platzes teilzunehmen. Vom Auslober, Kunst im öffentlichen Raum GmbH und MA 19 – Architektur und Stadtgestaltung, war eine Kooperation zwischen Planer und Künstler gewünscht. Die Arbeiten von Michael Sailstorfer waren uns schon lange bekannt, und wir waren alle der Meinung, dass er der richtige Partner sei. Uns war klar, dass es an diesem Ort einen kräftigen Ausdruck braucht, und Michael Sailstorfers stadträumliche Setzungen schienen uns genau das Richtige. Vor allem seine Skulpturen im öffentlichen Raum, die »Straßenlaterne« oder die »Autoreifenwolke« in New York, sind sehr überzeugend und haben uns begeistert.

Wie entwickelte sich das Projekt?
Christian Wagner: Michael kam für zwei Arbeitsphasen jeweils einige Tage lang zu uns nach Wien. Wir untersuchten den Platz und sein Umfeld sehr gründlich. Es waren eigentlich Spaziergänge, auf denen wir die Charakteristik des Ortes und mögliche Strategien diskutierten. Das Begehen des Ortes wurde zum Entwurfsgenerator.
Michael Sailstorfer: Die mehrmalige Begehung und Untersuchung des Ortes war ausschlaggebend. Der
Entwurf sollte eigenständig sein, aber auch ortsspezifisch funktionieren. Der Platz birgt verschiedene Problemstellungen. So existieren vier sehr präsente Lüftungsbauwerke, die es in die Planung einzubeziehen gilt. Die Skulpturen sollen groß genug sein, damit sie vom Bahnhof kommend wahrgenommen werden. Gleichzeitig darf der Blick vom Südtiroler Platz auf den Bahnhof durch die Skulpturen nicht verbaut werden. Mit diesen Parametern machten wir uns an die Arbeit.

Wie war Ihr erster Eindruck vom Südtiroler Platz?
Christian Wagner: Der Südtiroler Platz gilt in den Augen vieler als wenig attraktiver Ort, wenn nicht sogar als »Unort«. Für uns bilden aber gerade solche Orte ein spannendes Feld. Der erste Eindruck war jedenfalls, dass es sich lohnt, hier etwas zu bewegen.
Michael Sailstorfer: Darin waren Christian Wagner und ich uns sofort einig. Attraktivität ist künstlerisch gesehen meistens kein Mehrwert – entscheidend sind für mich eher die Nutzungsmerkmale eines Ortes, seine soziale Prägung.

Das Projekt besteht im Wesentlichen aus den zwei Komponenten Landschaftsarchitektur (»grüner Archipel«) und Kunst (»Hauptweg und Nebenwege«), die sich in einem Geflecht von stadträumlicher Struktur, Landschaft und Skulptur vermischen. Wie spielen diese verschiedenen Ebenen ineinander?
Christian Wagner: Der Begriff des grünen Archipels beschreibt einerseits die heterogene Bestandssituation, die durch unzählige Verkehrsbänder und inselartige Restflächen geprägt ist, und liefert andererseits die Lösung für diesen Ort: nämlich die Überlagerung unterschiedlicher Strukturen als Qualität zu schärfen. Wir arbeiten hier mit verschiedenen Funktionsschichten und Überlagerungen, um den monofunktionalen Raum in einen multifunktionalen überzuführen. Wir hatten festgestellt, dass verkehrstechnisch nicht viel an der Situation zu ändern ist: Die Favoritenstraße zerschneidet den Platz und bildet eine Mittelinsel mit einer Restfläche. Mit dieser Situation mussten wir umgehen, und so haben wir versucht, den Platz umzudeuten: Kann ein städtebaulich unwirtlicher Ort mit inselartigen Restflächen durch eine neue Topografie positiv umgedeutet werden – in etwas, was man vielleicht sogar mit Urlaub verbindet?
Michael Sailstorfer: Derart kulturell geprägte Landschaften, die vom Kontrast zwischen Verkehr und Grünem leben, sind für mich als Künstler insofern eine spannende Herausforderung, als die Kunst sich dazu als etwas Drittes verhält. Ich habe versucht, die künstlerische Intervention aus den Ortsbegehungen heraus zu entwickeln und ihr dennoch eine überzeugende Stringenz zu verleihen.

Die Idee der bespielten Lüftungsbauwerke gefällt mir gut – das bedeutet auch, dass keine neuen »Objekt­­bar­rieren« auf dem Platz errichtet werden. Wie kam es zu dieser Idee?
Michael Sailstorfer: Die künstlerische Intervention sucht mit der Installation von vier Großskulpturen auf den bereits vorhandenen Lüftungsbauwerken eine Auseinandersetzung mit der Bestandssituation. Ich wollte vermeiden, in die vielschichtige, komplexe Landschaft des Südtiroler Platzes, die Christian Wagner beschrieben hat, Fremdkörper zu setzen. Daher die Entscheidung für die Fundamentierung der Skulpturen in den Lüftungsbauwerken. Nicht nur die Verankerung, auch die Formbestimmung ist ortsspezifisch. Der Südtiroler Platz wird in erster Linie von Anrainern und Reisenden frequentiert. Die stählernen, meterhohen Skulpturen erscheinen wie Liniengewirre und erinnern an Reiserouten, die ich auf der Vorlage des Wiener Bahnnetzes zunächst zeichnerisch entwickelt und dann in 3-D übertragen habe. Die geschwungenen und verworrenen Stahlrohre materialisieren den flüchtigen Zustand des Reisens. Die statischen, monumentalen Skulpturen lassen im Spiel von Linie und Leerraum also dennoch Bewegung assoziieren. Je nach Perspektive der Betrachtung sehen sie anders aus – sie widersetzen sich einer endgültigen Formwahrnehmung. Die Oberflächen sind mit nachleuchtender Farbe lackiert. Nach Einbruch der Dunkelheit sind die skulpturalen Körper also weiterhin deutlich wahrnehmbar – eine Anspielung auf die zeitliche Eigenständigkeit des Reisens, die oft nicht deckungsgleich mit den regelmäßigen Abläufen des Verbleibens ist.

Der von euch geschaffene Stadtraum bietet ja verschiedene Qualitäten. Wie sehen diese im Einzelnen aus? Was kann, soll, darf man auf dem Platz alles machen?
Christian Wagner: Für uns als Planer steht die Aufenthaltsqualität der Bewohner im Vordergrund. Hierfür stehen die platzartigen Aufweitungen, die durch langgezogene Sitzbänder gefasst sind, und die »Transversale« als neue, diagonale Wegrelation mit multifunktionalen Holzelementen zum Sitzen und Liegen, aber auch für das wegbegleitende Kinderspiel.
Michael Sailstorfer: Als Künstler versuche ich, visuelle Angebote zu formulieren, die – im privaten wie im öffentlichen Raum – an die Imagination der Rezipierenden appellieren. Passanten werden mit ihren Erfahrungen an die konträren Zustände des Stillstands und der Bewegung anknüpfen können, die die Skulpturen verkörpern bzw. suggerieren.

Gibt es ein bestimmtes Verständnis von öffentlichem Raum, das dem Projekt zugrunde liegt?
Christian Wagner: Öffentlicher Raum ist für uns in erster Linie unhierarchisch und multifunktional zu behandeln, beides haben wir am Südtiroler Platz versucht zu realisieren.
Michael Sailstorfer: Öffentlicher Raum bedeutet für mich primär, dass die Adressaten der Kunst breiter zu fassen sind, dass wahrnehmungstechnisch und inhaltlich eine unmittelbarere Wirkung erzielt werden muss. Dafür sind Mittel der Abstraktion und Reduzierung wichtig.

Artikel von Patricia Grzonka:

Patricia Grzonka, born in St. Gallen, Switzerland, lives and works in Vienna as an art historian, curator and author. She writes about art and architecture for “Neue Zürcher Zeitung,” “Monopol” and “Kunst­bulletin.” Her articles have appeared in “Art,” “Frieze,” “springerin,” “profil” and “Texte zur Kunst,” along with many other art and architecture publications. patriciagrzonka.net


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