Ganz und gar nicht im Off

Artist-run Spaces in Wien

Viktoria Mayer, Andreas Perkmann Berger und Rainer Stadlbauer (v. l. n. r.) Foto: Marlene Rahmann

International als Artist-run Spaces bekannt, werden nichtkommerzielle Ausstellungsorte im deutschen Sprachraum meist mit dem (missverständlichen) Pseudo­anglizismus »Off-Space« bezeichnet. Weder adresstechnisch noch in ihrer Programmgestaltung stehen die unabhängigen Kunsträume allerdings im »Off«. Vielmehr bilden sie einen wichtigen Teil der autonom initiierten Kulturlandschaft: Je nach Betrachtungswinkel ist daher wenig anderes mehr im »On«. Ein Porträt dreier Wiener Off-Spaces.
Das Programm von Artist-run Spaces fokussiert meist flüchtige Aspekte der unterschiedlichsten Subkulturen. Und, was hierzulande besonders scheint: Nach einer unbestimmten Etablierungsphase genießen sie oft Förderungen durch Bund, Stadt und Bezirk. Diese erleichtern nicht nur Raumerhaltung und Projektumsetzungen, sondern auch die Übernahme von Kosten für Dokumenta­tion, internationalen Austausch oder die symbolische Abgeltung geleisteter Arbeit.
In der Folge werden drei Räume vorgestellt, die bei allen kuratorischen Unterschieden Ähnlichkeiten aufweisen, was ihre (beträchtlichen) Eigenleistungen, die Kreierung von Aufmerksamkeit sowie die Sensibilität bezüglich Noch-nicht-Kanonisiertem betrifft. So machen sie ein immer größeres Spektrum künstlerischer Theorien und Praktiken sichtbar – und erweitern das kulturelle Programm. Interinstitutionelle Kollaborationen und Verzahnungen mit Galerien, Museen und Kunsthallen zeugen von der Relevanz und Qualität dieser autonomen Initiativen.

Kunstraum SUPER

2010 mietete eine Gruppe von Studierenden der Archi­tektur ein Atelier, wobei vereinzelt auch Installationen außerhalb des Raumes erarbeitet wurden. Bald entstand die Idee, Interventionen für den von der Straße einsehbaren Bereich zu entwickeln. Was als Interesse am Ausloten des Raumverständnisses begann, wird seit 2013 offiziell als Kunstraum SUPER von Andreas Perkmann Berger, Viktoria Mayer und Rainer Stadlbauer organisiert.

Für das kuratorische Selbstverständnis hat sich mit der Zeit die Idee vom Modell als utopische Denkpraxis entwickelt: Die Auseinandersetzung mit nicht not­wendigerweise umsetzbaren Objekten beziehungsweise Vorstellungen ermöglicht es, Einschränkungen zu transzendieren, denen man in der physischen Welt begegnet. Das Interesse gilt dem Agieren abseits abgeklärter Begrifflichkeiten. Es führt heute zu acht Aus­stellungen jährlich, wobei nach vielfacher Erfahrung mit Open Calls mittlerweile der direkte Kontakt zu Kunstschaffenden bevorzugt wird, da das daraus ent­stehende Commitment Kollaborationen begünstigt.
Das Trio sieht in der konkreten physischen Adresse eine relevante geografische Verortung seiner kuratorischen Praxis, arbeitet aber auch an räumlich unabhängigen Projekten, um – etwa in Katalogform – international seinen Forschungsinteressen nachgehen und kuratorisch agieren zu können.

»Containerformate« erlauben durch die Absteckung von Rahmenbedingungen unterschiedliche Werkpraxen auszustellen, und begünstigen damit die Kreierung potenzieller Reibungsflächen; die kuratorische Auswahl entsteht auf emergente Art innerhalb der vordefinierten formalen Bedingungen und scheint ergebnisoffener als thematische Vorgaben – so gab man etwa für die Ausstellung »SMALL« eine Maximalgröße für einzureichende Arbeiten vor.

Mauve

Nach halbjähriger Planungsphase wurde Mauve Ende 2012 von Daniel Ferstl, Titania Seidl und Lukas Thaler gegründet. Die ursprünglich in der Lazarettgasse gelegenen Räumlichkeiten waren befristet gemietet, ein späterer Umzug lag daher stets am Horizont. Seit Anfang 2015 operiert der Raum nun in der Löwengasse im dritten Wiener Bezirk.

Am Beginn stand das verbindende Interesse am Erarbeiten eines Verständnisses von »Ausstellungen als Medium«. Dem entsprechend betrachten Ferstl, Seidl und Thaler das Kuratieren heute als fixen Bestandteil ihres künstlerischen Selbstverständnisses – es wurde zu einem der Medien, in denen sie agieren. Basis der Ausstellungen sind seit den Anfangstagen selbstentwickelte kuratorische Konzepte, für die man die Teamstruktur als dialektisch vorteilhaft ansieht. Der Vernetzungsgedanke ist prägend: Die Einladung internationaler Kunstschaffender ermöglicht ein (Re-)Kontextualisieren etablierter Sichtweisen, etwa auf das Werk hiesiger Künstlerinnen und Künstler.

Seit 2015 finden vor allem formal stringente Gruppenausstellungen statt, deren Kuratierung sich nicht vorrangig auf die Auswahl der Ausstellenden, sondern vor allem auf deren Arbeiten bezieht. Da konzise kuratorische Zugänge zu Werken und Themen im Triumvirat erarbeitet werden, entsteht ein persönlicher Zugang zu den Ausstellungen, der für den Ort prägend sein könnte. In der Ausstellungsentwicklung geht man einem institutionellen Anspruch nach: Kunstschaffende werden auf Basis inhaltlicher Interessen international kontaktiert, um formale und inhaltliche Dialoge zu führen. So wird sowohl ein Werkverständnis als auch ein vertraulicher Umgang mit den Ausstellenden erarbeitet, deren Werke Mauve meist selbst installiert – der Grad der gegenseitigen emotionalen Verpflichtung scheint daher höher als in anderen Kunsträumen. Da das Stammpublikum Ausstellungen gerne auch mehrmals besucht, profitieren auch unbekanntere, etwa aus dem Ausland kommende Kunstschaffende von einer für Kunsträume unüblichen Sichtbarkeit.

pinacoteca

Als Susanne Richter und Claudia Charlotte Linder die pinacoteca Mitte 2013 im Rahmen einer Zwischennutzung in einem Keller in der Margaretenstraße gründeten, sollte sie lediglich der Präsentation der eigenen Arbeiten dienen. Dennoch wurden im ersten Jahr zehn Ausstellungen umgesetzt – diese fokussierten Malerei beziehungsweise Werke, die malerisch wirken, ohne traditionelle Malerei zu sein.

Seitdem werden vor allem zuvor ausgestellte Kunstschaf­fende zur Kuratierung geladen. Linder und Richter empfinden dieses Abgeben kuratorischer Agenden als Bereicherung, die damit einhergehende Betreuung der Infrastruktur (Gegenstück zur kuratorischen »Carte Blanche«) wird gerne übernommen: Sie sprechen unter anderem von Verweigerung als kuratorischer Strategie. Interesse wecken vor allem Kunstschaffende, die jenseits des traditionellen Kunstmarktes agieren.

Neben dem konkreten Werk der Ausstellenden ist das Team vor allem am Austausch mit ihnen interessiert; die Ausstellungen dienen dabei als erste diskursive Ankerpunkte. Gerade die Organisation eines »kleinen« Raumes ermöglicht eine Selbstermächtigung, die Intimität im Umgang mit Experimenten begünstigt.
Seit April 2014 befindet sich die pinacoteca an ihrer heutigen Adresse. Sie wird mittlerweile von Bund, Stadt und Bezirk gefördert, was vor allem ein unabhängigeres Arbeiten möglich machte. Das Team betrachtet den Raum als Teil seiner künstlerischen Praxis. Er trägt dem Wunsch nach internationalem Austausch auf künstlerischer und auf kuratorischer Ebene Rechnung.

Artikel von Christian Bazant-Hegemark:

Christian Bazant-Hegemark, geboren 1978, agiert als Maler und Kurator. Vertreten wird er von der Galerie Voss, Düsseldorf. Studium der Bildenden Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Gunter Damisch, Daniel Richter, Harun Farocki. Doktorat der Philosophie ebendort 2011 bis 2015 (Elisabeth von Samsonow, Felicitas Thun-Hohenstein). Diverse Einzelausstellungen, Auszeichnungen und Residenzen. Lebt und arbeitet in Wien.


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