Fotografische Meilensteine

Zur Peter-Dressler-Retrospektive im KUNST HAUS WIEN

Bettina Leidl and Rainer Iglar Photo: Marlene Rahmann

Den programmatischen Fokus weiterhin auf die künstlerische Fotografie richtend, würdigt das KUNST HAUS WIEN in einer ersten großen Retro­spektive posthum das Werk von Peter Dressler. KUNST-HAUS-WIEN-Direktorin Bettina Leidl und Rainer Iglar vom Fotohof Salzburg, Kurator der Aus­stellung, im Gespräch über die metaphorische wie humorvolle Bildsprache eines Ausnahmekünstlers.

Wie kam das Vorhaben zustande, dem 2013 verstorbenen Künstler Peter Dressler im KUNST HAUS WIEN eine Retrospektive zu widmen?
Bettina Leidl: Generell begleitet mich die österreichische Fotokunst seit meinen beruflichen Anfängen. Peter Dressler lernte ich Anfang der 1990er persönlich kennen. Dressler zählte damals bereits zu den arrivierteren Künstlern. Kurz vor seinem Tod besuchte ich ihn in seinem Atelier, wo mir noch einmal die singuläre Qualität seines Schaffens bewusst wurde, das bis dato in größerem Umfang noch nicht gezeigt worden war. Als ich 2014 mit meiner Tätigkeit im KUNST HAUS WIEN begann, fiel mir auf, dass auf zahlreichen Postkarten im Museumsshop, die Friedensreich Hundertwassers Architektur und Malereien abbilden, Peter Dressler als Fotograf angegeben ist. Das war mir bis dahin nicht bekannt gewesen. Ich wusste, dass er Assistenzprofessor in Hundertwassers Malereiklasse an der Akademie der bildenden Künste Wien gewesen war. Aufgrund dieser Verbindung zwischen den beiden Künstlern, die freilich jeweils ein ganz unterschiedliches Œuvre entwickelt hatten, hat sich die Idee verfestigt, Peter Dressler, einem der wichtigsten österreichischen Fotografen, erstmals eine große Retrospektive zu widmen. Neben Rainer Iglar und Michael Mauracher vom Fotohof Salzburg, der mit der Verwaltung von Dresslers künstlerischem Nachlass betraut wurde, wird Christine Frisinghelli, die als vormalige Leiterin von Camera Austria Dresslers Schaffen ebenfalls lange begleitet hat, die Ausstellung kuratieren.

Was hat Sie mit Peter Dressler verbunden, Herr Iglar?
Rainer Iglar: Peter Dressler war immer eine wichtige Anlaufstelle, wenn ich als junger Fotokünstler in den 1990ern nach Wien kam. Ich empfand ihn als ungemein aufgeschlossen gegenüber jungen Kunstschaffenden. Er hat sich engagiert und umtriebig mit den Arbeiten der Kollegen auseinandergesetzt, war kritisch, aber auch ermutigend. Im Fotohof haben wir seine Arbeit seit unseren Anfängen in den 1980ern ausgestellt und später in Form von Künstlerbüchern publiziert. Was den Nachlass betrifft, gilt es ein bedeutendes Lebenswerk aufzuarbeiten: von ihm zu Lebzeiten definierte Serien und Werkgruppen, aber auch eine Unzahl von Negativen, Kontaktabzügen und Workprints. Darunter ist eine Reihe von Aufnahmen, die in Zusammenhang mit seinen Büchern gut zuordenbar sind, auch wenn sie in die Publikationen selbst nicht Eingang gefunden haben. Grundsätzlich war Dressler kein Künstler, der seine Arbeiten laufend archivierte. Wenn man ihn im Atelier besuchte, um eine Arbeit zu sichten oder zu erwerben, war oft nicht klar, wo sie sich befindet und was sie kostet.
Bettina Leidl: An dergleichen erinnere ich mich auch. Als ich einmal in seinem Atelier eine Arbeit aus einem Stapel zog, um sie näher zu studieren, fragte er: »Woher haben Sie die denn?« In der Ausstellung sind jedenfalls einige Arbeiten zu sehen, die bislang noch nicht gezeigt werden konnten.

Was ist besonders charakteristisch für Dresslers Werk?
Bettina Leidl: Die österreichische Fotografie war bis in die 1970er-Jahre hinein vor allem im Dokumentarischen und in der Reportage verhaftet. Man denke etwa an die Fotografengeneration vor Dressler, darunter Franz Hubmann, Erich Lessing und Inge Morath. Peter Dressler hat sich von jeher für den künstlerischen Stellenwert des Mediums eingesetzt. Den Hintergrund für seine Art zu fotografieren lieferte vielfach die Malerei.
Rainer Iglar: Er hatte ja Malerei studiert und hat sich in vielen seiner Serien immer wieder mit bildender Kunst, im Speziellen mit malerischen Fragestellungen auseinandergesetzt – mit Humor und Ironie. An Serien wie jener mit dem Titel »In unmittelbarer Nähe« aus 2003 ist das gut ersichtlich. Dressler mimt darin einen Kunstsammler, der mit den Meisterwerken auf Tuchfühlung geht, indem er ins Bild eingreift und die eine oder andere Stelle mit dem Pinsel eigenhändig korrigiert. Zu den formalen Besonderheiten seines Frühwerks zählt, dass er das Einzelbild zugunsten von Bildzusammenstellungen aufgebrochen hat.

Inwiefern treten auch filmische und performative Aspekte in seiner Arbeit hervor?
Rainer Iglar: Mit »Sonderfahrt« ist in der Ausstellung sogar ein Film im eigentlichen Sinne zu sehen. Peter Dressler hat ihn gemeinsam mit Franz Zadrazil zwischen 1975 und 1978 realisiert. Es handelt sich dabei um eine städtische Erkundung Wiens. Der Film verdeutlicht in einer assoziativen Mischung von inszenierten und dokumentarischen Elementen sehr gut den strukturellen und inhaltlichen Zugang Dresslers zu seinen Themen. Im Prinzip gerinnt das gesamte Frühwerk darin zur Essenz. Das Performative, die Inszenierung, das Erzeugen von Narration vermittels Bilderfolgen gewannen dann ab den 1980ern an Gewicht. Von da an wechselte Dressler zunehmend von der Schwarz-Weiß- zur Farbfotografie. Für die entsprechenden Aufnahmen schlüpfte er in unterschiedliche Rollen, die stets menschliche Grundverfasstheiten paraphrasieren. In »Wiener Gold« etwa, einer Serie, die im Finanzkrisenjahr 2008 entstanden ist, sehen wir ihn in einer Baugrube nach Goldnuggets schürfen. Dieser Humor, gepaart mit einem durchwegs kritischen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, aber auch das Wissen um menschliche Triebfedern wie in diesem Fall die Gier sind besonders charakteristisch für sein Werk. Für die inszenierten Fotografien bat Dressler häufig Künstlerkollegen wie Leo Kandl, Joerg Burger und Christoph Rodler, das Dargestellte seinen Anleitungen folgend abzulichten.
Bettina Leidl: Besonders erwähnenswert im Zusammenhang mit den fotografischen Inszenierungen erscheinen mir jene, die den Hund »Burschi« an verschiedenen öffentlichen Orten zeigen. Mich amüsiert die Zweideutigkeit des Namens, der ja gleichermaßen für ein Haustier wie auch für einen jungen Mann stehen kann. Dabei ist Burschi kein echter Hund, sondern ein dreidimensionales Fotoobjekt, ein pflegeleichtes Haustier also, das man – wie die entsprechenden Fotografien zeigen – sogar ins Museum mitnehmen darf. Mit Arbeiten wie diesen persiflierte Dressler wie kaum ein anderer die festgelegten hierarchischen Verhältnisse zwischen Betrachter, auratisch präsentierter Kunst und dem ehrwürdigen Nimbus eines Ausstellungshauses.

In welchem Bewusstsein sollen die Besucher die Ausstellung verlassen?
Bettina Leidl: Was die Ausstellung sicher vermittelt, ist, dass mit Peter Dresslers Werk eine der zentralen Positionen der österreichischen Fotografie seit den 1970er-Jahren gezeigt wird – in einer bisher noch nicht da gewesenen Dichte und Qualität.

Artikel von Manisha Jothady:

Manisha Jothady lebt als freischaffende Kunstkritikerin in Wien. Neben Katalogbeiträgen zur Gegenwartskunst hat sie zahlreiche Beiträge unter anderem für »Wiener Zeitung«, »Eikon« und »Camera Austria« verfasst.


Share your selection:
Add event to selection