»Es geht darum, Grenzen zu über­winden«

Der Architekt und Visionär Friedrich Kiesler im Fokus

Peter Bogner and Hani Rashid Photo: Sabine Hauswirth

Friedrich Kiesler (1890–1965) war Architekt, Designer, Bühnenbildner und vor allem Visionär. Was das Wesen und die Arbeit dieses großen Gestalters ausmacht, wollten wir von Peter Bogner, dem Direktor der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, wissen.

Friedrich Kiesler war ein bedeutendes Multitalent in Sachen Architektur, Design, Bühnenbild und in anderen Bereichen. Dennoch ist er nur einer bescheidenen Gruppe von Menschen bekannt. Woran liegt das?
Peter Bogner: Friedrich Kiesler brachte sein progressives und kompromissloses Ideengut mehr unter Künstler, Architekten und befreundete Kollegen als unter ein breites Publikum. Das wirkt wohl auch heute noch nach.

Friedrich Kiesler war mit vielen Größen befreundet, unter ihnen Salvador Dalí, Luis Buñuel, André Breton und Marcel Duchamp, der sogar ein Jahr bei Kiesler in New York wohnte. Welcher dieser Künstler stand ihm am nächsten?
Peter Bogner: Hervorzuheben ist etwa seine Freundschaft zu Duchamp, die sehr eng und künstlerisch produktiv war, zum Beispiel in Gestalt der »Exposition Internationale du Surréalisme«, die 1947 in Paris über 100 Künstler der Bewegung zusammenbrachte.

Sie feierten im vergangenen Jahr ein Kiesler-Jubiläumsjahr: Sein Geburtstag jährte sich zum 125., sein Todestag zum 50. Mal. Inwieweit hat sich sein Bekanntheitsgrad mit den damit einhergehenden Ausstellungen und Symposien sowie der Verleihung des Kiesler-Preises an Bruce Nauman vergrößert?
Peter Bogner: Im Gedenkjahr konnten wir erstmalig Präsentationen von Stockholm über Budapest und Kiew bis Czernowitz, Kieslers Geburtsort in der heutigen Ukraine, zeigen. Diese finden Fortsetzung in Kooperationen mit Universitäten und Museen und werden so weiter das In­teresse seitens Künstlern und Architekten steigern. Ebenso fanden große Ausstellungen in Jerusalem – auch zur 50-jährigen Vollendung des einzig realisierten Bauwerks von Kiesler, des Shrine of the Book – statt. Ferner gab es eine Ausstellung im zeitgenössischen Kunstkonnex im Kulturforum sowie eine weitere über die Wirkungsgeschichte seines visionären Endless House im Museum of Modern Art in New York. Natürlich hat all das zu wachsender Bekanntheit und tieferem Wissen rund um Friedrich Kiesler beigetragen.

Auch im Jahr 2016 ist die Kiesler-Stiftung ziemlich aktiv. Da wären etwa die Ausstellungen im Museum für angewandte Kunst Wien und nächstes Jahr im Berliner Martin Gropius Bau. Sie rühren ganz schön die Werbetrommel!
Peter Bogner: Es sind große Projekte, die sich aus dem bemerkenswerten Interesse an der Präsentation visionärer Künstler auch aus dem mitteleuropäischen Raum abseits von Schiele und Klimt ergeben. Wir bemerken, dass das »visionary Vienna« eines Schönberg, Wittgenstein, Freud und eben Kiesler eine anhaltende, enorme gegenwärtige Bedeutung für den Diskurs und für die Gesellschaft hat.

Welches Haus würden Sie am liebsten mit einer Kiesler-Ausstellung bespielen?
Peter Bogner: Das Guggenheim Museum in Bilbao von Frank Gehry, der 1998 als Erster den mit 55.000 Euro hoch dotierten Friedrich Kiesler-Preis erhalten hat. Das Gebäude ist wie kaum ein anderes dem räumlichen Denken von Kieslers Endless House nahe.

Wie würde Friedrich Kiesler heute sein Werk ausstellen?
Peter Bogner: Kiesler ist ein »master of display«. Seine revolutionären Ausstellungsgestaltungen abseits des White Cube für Peggy Guggenheims »Art of This Century«-Galerie 1941, seine raumgreifenden, die surrealistische Kunst integrierenden Gestaltungen für die Hugo Gallery und die Galerie Maeght 1947 würden ein unglaublich sinnliches, sphärisches Erlebnis unter Einbeziehung der modernsten Medien erwarten lassen und wohl einen weiteren radikalen Beitrag zu neuen Formen der Präsentation von Kunst liefern.

Es tut sich aber noch mehr: Es gibt auch neu aufgelegte Editionen von Kiesler-Möbeln.
Peter Bogner: Ein großer Glücksfall war diesbezüglich die Entdeckung bisher unbekannter Fotografien von Robert Damora, der das von Kiesler 1934 für die Familie Mergentime entworfene Apartment fotografiert hatte. Darunter finden sich unbekannte Ansichten von Möbelentwürfen, die für die Forschung einen großen Gewinn darstellen. Ebenso konnten zwei der selten auf dem Kunstmarkt präsenten Sessel von Wittmann aus einer New Yorker Privatsammlung erworben werden. Diese stellen hinsichtlich der Neuedition ebenso eine große Hilfe dar.

In Sachen Möbel sind die correalistischen Möbel Friedrich Kieslers, die von Wittmann produziert werden, vielleicht seine bekanntesten. Wie würden Sie den Kiesler’schen Correalismus jemandem beschreiben, der noch nie davon gehört hat?
Peter Bogner: Kiesler hat sein Manifest ab 1937 an der Columbia-Universität in New York entwickelt und 1949 in Paris veröffentlicht. Correalismus ist jener Begriff, der die gesamtheitlichen Zusammenhänge in Gesellschaft, Politik und Kunst in einem künstlerischen Entstehungsprozess berücksichtigt. Letztendlich fordert Kiesler, die Grenzen der einzelnen Wissenschaften zu überwinden, um die Lebensbedingungen der Menschheit zu verbessern.

Was war das Visionäre an Friedrich Kiesler?
Peter Bogner: Kieslers Werk umfasst nicht einfach nur Konzepte und Manifeste einer neuen Kunst und Architektur, vielmehr stellte er sein Werk immer mit seinem sehr hohen sozialen Wert und einem innovativen und progressiven gesellschaftlichen Anspruch dar.

Es fällt schwer, Friedrich Kiesler in eine Schublade zu stecken. Was würden Sie auf das Etikett einer Lade für ihn schreiben?
Peter Bogner: In Anspielung auf ein Zitat von Philip Johnson über Kiesler wohl »Der größte nichtbauende Architekt«. Im Übrigen erwiderte Kiesler auf diese Äußerung, dass er es vorziehe, nicht zu den vielbauenden Nicht-Architekten zu gehören.

Friedrich Kiesler sagte einmal: »Die Funktion folgt der Vision. Die Vision folgt der Realität.« Welcher Vision folgt die Kiesler-Stiftung?
Peter Bogner: Es soll keine Vision bleiben. Unser Plan ist, Kiesler mehr Raum zu geben, um mit einer permanenten Präsentation sein Werk in Wien einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen zu können. Durch das große Interesse an Kiesler stellen eine Neupositionierung und die Übersiedlung in einen »Kiesler Space« eine kräftige, kulturpolitisch innovative Zeichensetzung dar.

Für alle, die noch nie in der Wiener Kiesler-Stiftung zu Besuch waren: Was erwartet die Besucher bei Ihnen?
Peter Bogner: Unsere Räumlichkeiten in der Mariahilfer Straße beherbergen einerseits die im Archiv verwahrten Schätze, die nach Voranmeldung besichtigt werden können, sowie andererseits abwechselnd gezeigte Ausstellungen zu neuen Aspekten des vielseitigen Schaffens von Friedrich Kiesler und zu zeitgenössischen relevanten Positionen aus Architektur und Kunst.

Ihr liebstes Zitat von Friedrich Kiesler?
Peter Bogner: »Life is short, Art is long, Architecture endless.« Er sagte dies im Jahr 1958.
www.kiesler.org

Artikel von Michael Hausenblas:

Friedrich Kiesler wurde 1890 in Czernowitz geboren Von 1908 an studierte er an der Technischen Hochschule und an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1926 emigrierte Kiesler in die USA, wo er zu einer Integrationsfigur der europäischen Avantgarde wurde. Er starb 1965.

Peter Bogner
ist seit 2013 Direktor der 1997 gegründeten Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung. Er ist Kunsthistoriker, Architekt, Kulturmanager und war zuvor Direktor des Wiener Künstlerhauses.

Hani Rashid ist Vorstandsvorsitzender der Kiesler Stiftung und selbst Kiesler-Preisträger. Er unterrichtet Architektur an der Universität für angewandte Kunst und zählt zu den führenden internationalen Architekten. Rashid vertritt eine dem Denken Kieslers verwandte multidisziplinäre Werkauffassung und trägt maßgeblich dazu bei, die Kiesler Stiftung auch international stärker zu verankern.

Michael Hausenblas ist seit 1999 Mitarbeiter der Tageszeitung »Der Standard«, wo er in erster Linie als Redakteur für den Bereich Design zuständig ist.


Share your selection:
Add event to selection