Die Schönheit der Indifferenz

Die Kuratoren des Open Studio Day im Gespräch

Walter Seidl, Anne Faucheret und Eva Maria Stadler Foto: Marlene Rahmann

Alljährlich nehmen unzählige Kunstinteressierte die Einladung in Wien tätiger Künstlerinnen und Künstler an, im Rahmen des Open Studio Day Einblick in die Orte ihres Schaffens zu bekommen. Auch heuer wieder bildet der Open Studio Day einen zentralen Programmschwerpunkt der VIENNA ART WEEK. Kuratiert wird er diesmal von Anne Faucheret, Eva Maria Stadler und Walter Seidl. Ursula Maria Probst sprach mit ihnen über Wien als aufstrebenden Kunststandort und über die Suche nach dem Schönen in einer Gesellschaft, die gegenwärtig starken Veränderungen unterliegt.

Welche Vorteile hat für Sie Wien als Kunststandort?
Anne Faucheret: Wien ist zugleich international und überschaubar. Das mag ich. Hier treffen einander westliche und östliche europäische Traditionen; das erfahre ich in der Kunstgeschichte der Stadt, in ihrer kulturellen Identität und in ihrer Wahrnehmung des öffentlichen Raumes und finde es sehr dynamisch.
Eva Maria Stadler: Wien hat sich seit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union Mitte der 1990er-Jahre extrem entwickelt, ist buchstäblich welt­offener, heller und aufgeschlossener geworden. Man kann sagen, in Wien brummt’s. Diese Betriebsamkeit hat das Niveau des künstlerischen Diskurses sehr gehoben. Österreichische Künstlerinnen und Künstler sind heute nicht nur hier­zulande aktiv, sondern international gut vernetzt.
Walter Seidl: Wien bietet mit seinen zahlreichen Museen und Kunstinstitutionen ein unheimliches Spektrum an Präsentationsmöglichkeiten für zeitgenössische Kunst. In anderen Städten dieser Größenordnung ist das eher selten der Fall.

Welche Strukturen im Wiener Kunstbetrieb erscheinen Ihnen ausbaufähig?
Anne Faucheret: Vermittlung ist eigentlich das Herz unseres Auftrages. Ohne Interaktion rücken die Institutionen mehr und mehr von der breiten Bevölkerungsbasis und von der Idee einer Institution der »Commons« ab, die auf sozialer Bindung funktioniert und auf politische Debatte abzielt. Teilnahme und Teilhabe von Bevölkerungsgruppen oder sozialen Schichten, die nicht ohnehin einen Zugang zu Kultur haben, das heißt nicht aus der Mittel- oder Oberklasse kommen, scheinen mir in Wien leider zu gering.
Eva Maria Stadler: Was in Wien meines Erachtens fehlt, ist ein bürgerschaftliches Modell des Kunstvereins nach schweizerischem und deutschem Vorbild. Anders als im Museum bekommen in einem Kunstverein nicht nur junge Künstlerinnen und Künstler die Chance, zu experimentieren und neue Arbeiten zu produzieren, sondern ein Kunstverein bildet mit seinem Mitgliedersystem auch ein Publikum aus – beides könnten wir in Wien gut brauchen.
Walter Seidl: Infolge einer zunehmenden globalen Vereinnahmung der Kunst durch den Markt verringerte sich die Zahl der Offspaces, die weiterhin ausbaufähig wären, um vermehrt ein Nischenprogramm anzubieten. Dazu benötigt es jedoch mehr Förderungen. Orte wie das Fluc oder der Open Space widmeten sich in den vergangenen Jahren vermehrt der Frage, wie Kunst direkt im öffentlichen und politischen Raum verankert werden kann und den Fängen des White Cube entgeht.

Unter dem Motto »Seeking Beauty« befasst sich die diesjährige VIENNA ART WEEK mit der Ambivalenz des Schönen in der Kunst. Wie stehen Sie der Suche nach dem Schönen gegenüber?
Anne Faucheret: Es ist interessant zu beobachten, wie das Schöne im Kunstdiskurs des 21. Jahrhunderts wieder auftaucht. Im 20. Jahrhundert war es beinahe verschwunden. Ist das ein Zeichen der Rückkehr zu konservativen Fragestellungen oder bedeutet es – in der heutigen Krise (politisch, ökonomisch wie geistig gesehen) – ein Begehren nach etwas, was das Alltägliche transzendiert, oder entspricht es einer Notwendigkeit, das Schöne nicht in den Händen von Profitmachern und Trendsettern zu belassen?
Eva Maria Stadler: Na ja, »Seeking Beauty« klingt ein bisschen wie »Black Beauty«, die TV-Serie aus den 1970er Jahren, in der ein schwarzes Pferd fröhlich über die Weiden galoppiert … Das Schöne ist, was die Kunst betrifft, ein heikler Begriff. Seit Alexander Gottlieb Baumgartens 1750 veröffentlichtem Werk »Aesthetica« sprechen wir eher von Ästhetik als vom Schönen. Das Schöne ist seither nicht ohne das Hässliche und das Groteske zu haben.
Walter Seidl: Die Themen, die sich in den vergangenen Jahren stellten, fokussieren vermehrt auf eine Infragestellung konventioneller Auffassungen von Schönheit und darauf, wie sich gewisse ästhetische Grundmuster verschoben haben.

Welche Facetten des Schönen sind für Sie von Relevanz?
Anne Faucheret: Kunst untersucht von einem politisch kritischen Standpunkt aus Kategorien und Normen, verschiebt sie, kehrt sie um. In diesem Sinne ist das Gegenteil des Schönen, das das Schöne als Negativ definiert, für mich von großer Relevanz: das Hässliche, das Monströse, das Ekelhafte sogar … alle Facetten des dionysischen Impulses. Sigmund Freuds Begriff des »Unheimlichen« und André Bretons Begriff der »konvulsiven Schönheit« nähern sich auf interessante Weise dem Schönen an.
Eva Maria Stadler: Damit etwas Schönes überhaupt als solches empfunden werden kann, bedarf es eines Diskurses, eines geschulten Blicks, der Fähigkeit der sinnlichen Wahrnehmung oder eines geschärften Gedankens. All das ist nicht einfach so da, es entsteht erst – nicht zuletzt durch die ästhetischen Operationen und Verschiebungen der Kunst. Offenheit und Skepsis, die »Schönheit der Indifferenz«, wie Marcel Duchamp es ausgedrückt hat, können dazu beitragen, das Schöne nicht allzu stabil werden zu lassen.
Walter Seidl: Schönheitsempfinden geht mit persönlichen Vorlieben einher, die jedoch keine Allgemeingültigkeit haben können, sondern lediglich gewissen psychogeografischen Sozialisationsprozessen ausgesetzt sind. Die aktuelle »Like«-Kultur zeigt, wie Schönheit in wenigen Sekunden individuell erfahren werden kann. Die Bilderflut und ihre flüchtige Wahrnehmung treten meist an erste Stelle, bevor die geistige Kontrolle (sofern überhaupt) zum Einsatz gelangt.

Laut dem Kunstkritiker Peter Schjeldahl ist das Schöne »der bereitwillige Verlust an geistiger Kontrolle«. Wie sehr bietet die Kunst Artikulationsmöglichkeiten, gegen kommerzielle, manipulative und suggestive Instanzen im Umgang mit dem Schönen aufzubegehren?
Anne Faucheret: Kunst ist ein privilegiertes Territorium, um Ideologien hinter solchen Idealen und die Gründe von deren Instrumentalisierung zu enthüllen bzw. kritisch zu hinterfragen. Letztlich hat Kunst die Fähigkeit, das Schöne herauszuholen, wo man es nie erwarten würde, das heißt das Schöne in einen Diskurs einzubinden, in dem es auf den ersten Blick irrelevant, gar absurd scheint.
Eva Maria Stadler: Solche Fragen überhaupt zu formulieren und zu stellen gehört zum Hauptgeschäft der Kunst, würde ich sagen. Ohne Kritik ist das Schöne ohnehin nicht zu haben, außer man verliert sich in flachen Affirmationen. Aber selbst diese spielen eine entscheidende Rolle – man denke nur an die »Sonntagsmotive« von Hans-Peter Feldmann.
Walter Seidl: Was Schönheit sein kann, versuchen der Markt und die durch ihn verbreiteten Werbe- und Fotokampagnen zu vermitteln. Kunst kann sich diesen Bildproduktionen widmen, sie appropriieren oder konterkarieren bzw. sollte Kunst die dahinterliegenden Mechanismen aufzeigen und kritisch hinterfragen.

Artikel von Ursula Maria Probst:

Ursula Maria Probst lebt als Kunsthistorikerin, Universitätslektorin, Kunstkritikerin, freie Kuratorin und Künstlerin in Wien. Ihre Themenschwerpunkte liegen auf Performancekunst, Kunst im öffentlichen Raum und Kunstsammlungen. 2016 kuratiert sie die Ausstellung »Touch the Reality« im Kunstraum Niederoesterreich. 2015 kuratierte sie die österreichischen Beiträge für die 12. Bienal de La Habana. Seit 2014 kuratiert sie das Projekt »Transcultural Emancipation« von KulturKontakt Austria, Bundeskanzleramt und Fluc.


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