»Die Aktion ist absurd und surreal«

Im Gespräch mit dem Künstler Francis Alÿs

Francis Alÿs, Le Temps du Sommeil, ab 1995, fortlaufende Serie Courtesy: der Künstler und Galerie Peter Kilchmann

Francis Alÿs’ politische und poetische Interventionen, die soziale Ungleichheit und Konflikte aufgreifen, haben ihn zu einem der faszinierendsten zeitgenössischen Künstler gemacht. Im Rahmen der diesjährigen VIENNA ART WEEK zeigt die Secession Arbeiten des gebürtigen Belgiers. Mit Robert Punkenhofer, dem Künstlerischen Leiter der VIENNA ART WEEK, sprach Alÿs über die Anfänge seiner künstlerischen Laufbahn, die Verantwortung, die seine Arbeit mit sich bringt, und die Bedeutung von »Le Temps du Sommeil«, einer Serie tagebuchartiger Ölbilder.

Wir haben uns 1994 bei einem Fest in Mexico-City kennengelernt. Damals standen Sie am Beginn Ihrer Karriere als Künstler und wurden mir noch als belgischer Architekt vorgestellt.
Francis Alÿs: Das traf auch zu. In Mexiko arbeitete ich zunächst in erster Linie als Architekt. Erst die Bekanntschaft mit Melanie Smith brachte mich zur Kunst.

Ich erinnere mich noch gut an den Besuch in Ihrem faszinierenden baufälligen Atelier in der historischen Altstadt Mexico-Citys. Sie hatten gerade Ihre Türmatten fertiggestellt und boten mir eine davon um 100 Dollar an. Das war vor 20 Jahren! Mittlerweile ist ein regelrechter Hype um Sie und Leute wie Abraham Cruzvillegas, Damian Ortega und Thomas Glassford ausgebrochen.
Francis Alÿs: Wir alle hatten großes Glück. Damals war uns das noch nicht bewusst, aber durch das Erdbeben von 1985 wurde Mexico-City regelrecht wachgerüttelt. Um ehrlich zu sein: Was uns zusammenschweißte, war, dass kein Geld da war und der Markt am Boden lag.

Sie meinen, diese schwierigen Bedingungen seien ausschlaggebend dafür gewesen, dass die Künstler alle erfolgreich wurden?
Francis Alÿs: Ich sage nicht, dass die Kunstwelt ohne Geld schöner ist, aber wir mussten es damals niemandem recht machen. Unser Publikum setzte sich nur aus Künstlerkollegen zusammen; damit waren wir frei und konnten experimentieren. Heute sind viele junge Kunstschaffende zu sehr darauf bedacht, die richtige Arbeit am richtigen Ort zu zeigen. Für uns spielten solche Überlegungen keine Rolle. Wir hatten einfach Spaß; es ging uns mehr um den Austausch.

War die Kunst nicht auch ein Mittel der Auseinander­setzung mit der damaligen politischen Realität?
Francis Alÿs: 1994 war ein Schlüsseljahr für Mexiko: Das System begann zusammenzubrechen. Präsident Salinas war in einen Korruptionsskandal verwickelt, das Nordamerikanische Freihandelsabkommen trat in Kraft, und der Präsidentschaftskandidat Colosio wurde erschossen. Es waren stürmische Zeiten – gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich. Aber für uns Künstler war das eine geschützte Umgebung, in der es keinen Konkurrenzkampf gab.

Glauben Sie, dass Ihre Kunst sich unter anderen Umständen ähnlich entwickelt hätte, oder ist sie wirklich nur ein Produkt jener Zeit und jenes Umfeldes?
Francis Alÿs: Einer der Gründe für meinen Wechsel von der Architektur zur bildenden Kunst war, dass sie es mir möglich machte, auf Mexico-City zu reagieren. Ich kam direkt aus Venedig, wo ich studiert und als Architekt gearbeitet hatte. Zum ersten Mal lebte ich nun also in einer Weltmetropole. Diese Mischung aus der Kultur der Stadt und ihrer urbanen Struktur warf mich völlig aus der Bahn. Ich musste lernen, stärker auf meine innere Stimme zu hören und noch fokussierter zu sein, weil die Stadt so vielschichtig war. Den Künstlern dabei zuzusehen, wie sie sich mit ihr auseinandersetzten, war sehr verlockend.

Zieht es Sie manchmal zur Architektur zurück?
Francis Alÿs: Mittlerweile habe ich mich so an die Vergänglichkeit meiner Interventionen gewöhnt, dass mir die Vorstellung eines beständigen Projekts schwerfällt.

Dabei ist die Planung Ihrer aktuellen Projekte sicher nicht minder aufwendig als die eines Bauwerkes.
Francis Alÿs: Sogar bei kleinen Projekten dauert die Vorbereitung sehr lange. Meine Intervention »Paradox of Praxis I« von 1997, bei der ich einen Eisblock durch die Straßen schob, erstreckte sich dagegen nur über zwei Tage. Manchmal würde ich gerne wieder spontanere Aktionen machen.

Wenden Sie sich immer dann dem Projekt »Le Temps du Sommeil« zu, wenn Sie eine Auszeit von der Planung Ihrer Interventionen brauchen?
Francis Alÿs: An diesem Projekt zu arbeiten ist sehr meditativ. Es hilft mir, den Bezug zu meiner Kunst nicht zu verlieren. Die Bilder sind so klein, dass ich sie auf meinen Reisen mitführen kann. Ich begann das erste Bild 1995 und bin bei Nummer 111 stehengeblieben. Ich arbeite noch immer daran, füge kleine Details hinzu, tilge alte Passagen oder übermale sie.

Die Bilder der Serie haben kein verbindendes Narrativ, eröffnen dem Betrachter aber dennoch einen Zugang zu einer magischen, einer ganz persönlichen Welt des Francis Alÿs.
Francis Alÿs: Ich bin kein großer Fan des Tagebuch- Prinzips, und doch ist die Serie in gewisser Weise tatsächlich ein solches, weil sie meine Notizbucheinträge von über 20 Jahren nachzeichnet. Nahezu alle meine Ideen sind diesen Notizbüchern entsprungen. Da findet sich zum Beispiel die Skizze eines Esels. Ich assoziiere ihn mit den Arbeitern von Ciudad Juárez, die sich unentwegt abmühen, aber auch mit dem roten Volkswagen, der in »The Rehearsal 1« den Hügel auf- und abfährt. Alle möglichen Verbindungen lassen sich herstellen.

Wovon haben Sie sich bei der Auswahl Ihrer Arbeit für die Ausstellung in der Wiener Secession leiten lassen?
Francis Alÿs: Bei meinem Wien-Besuch im vergangenen Jahr bin ich auf den Wiener Aktionismus gestoßen. Ich streifte durch Galerien und Museen und wurde den Eindruck nicht los, dass er dem Film und der Bildhauerei näher war als der Malerei. Die Secession ist von einer überaus dominanten Architektur, mit der ich nicht konkurrieren wollte. In einem Raum, der so überwältigend ist, kann man nur sehr subtil intervenieren.

Sie zeigen einen neuen Film, »Paradox of Praxis 5«, in dem ein Feuerball durch Ciudad Juárez gekickt wird. Handelt es sich dabei um eine politische oder um eine poetische Intervention?
Francis Alÿs: Es ist eine absurde und surreale Aktion, ähnlich wie die mit dem Eisblock. Einerseits deute ich den Rückzug aus der Realität in einen Traumzustand an, andererseits glaube ich, dass die Menschen die Welt nur dann anders sehen werden, wenn wir ihnen die Realität vor Augen führen. Der Film hinterfragt auch die Rolle des Künstlers in diesem Zusammenhang.

Sie können durch Ihre Arbeiten großen Einfluss auf politische Situationen nehmen.
Francis Alÿs: Das stimmt. Ich besuche oft Orte, an denen Krisensituationen herrschen. In solchen Momenten ist die Gesellschaft so labil, dass sie für alternative Systeme empfänglicher ist. Für mich ist das hochinteressant, manchmal aber auch beängstigend angesichts der Verantwortung, die man dem Künstler überträgt, indem man ihn zum Verkünder der Wahrheit erklärt. Wir Künstler sind subjektiv, haben unser eigenes Narrativ, verfolgen eigene Ziele. Die Menschen vergessen gern, dass wir Ereignisse nicht immer wortgetreu und sachlich wiedergeben. Wir arbeiten dichterisch.

Wie gehen Sie mit der Verlockung um, heikle politische Situationen für den persönlichen Erfolg zu instrumentalisieren?
Francis Alÿs: Das habe ich mich selbst nach der Aktion »When Faith Moves Mountains« in Lima gefragt. Um meine eigenen Bedenken auszuräumen, habe ich beschlossen, meine Videos nicht mehr zu vermarkten, zumal diese ja meist in Zusammenarbeit mit örtlichen Gemeinden und Kindern entstehen. Es ist ein schmaler Grat. Aber letzten Endes ist es immer besser, etwas zu tun, als über die Gewalt zu schweigen.

AUSSTELLUNG
Francis Alÿs

  1. Nov. 2016–22. Jan. 2017
    Secession, Friedrichstraße 12, 1010 Wien 
Artikel von Robert Punkenhofer:

Francis Alÿs, 1959 in Belgien geboren, lebt und arbeitet in Mexico-City. Er zählt zu den weltweit renommiertesten zeitgenössischen Künstlern. Alÿs’ Arbeiten wurden bei der documenta 13 und im Rahmen von Einzelausstellungen im MoMA in New York und in der Tate Modern in London gezeigt. Seine Schau im Hauptraum der Secession ist die erste Einzelausstellung des Konzeptkünstlers in Österreich.

Robert Punkenhofer ist Künstlerischer Leiter der VIENNA ART WEEK und Gründungsdirektor von Art&Idea. Als Kurator arbeitet er an der Schnittstelle von Kunst, Design, Architektur und internationaler Wirtschaft. Zuletzt realisierte er Ausstellungen im Triennale Design Museum Mailand sowie am Goethe Institut Barcelona. Punkenhofer ist Gastprofessor an der New York University und Mitglied des Princeton University/PLAS Interna­tional Advisory Boards.


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