»Das Lokale hat an Wichtigkeit gewonnen«

Produktion zwischen Industrie 4.0 und Urban Manufacturing

Die Zeit sei reif für eine neue Produktion in den Städten, meint Gerhard Hirczi, Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien. Was darunter zu verstehen ist und welche Ansätze die Wirtschaftsagentur verfolgt, um die Stärkefelder der Stadt – darunter auch die Kreativwirtschaft – zu forcieren, erzählt er im Interview.

Umweltverschmutzung, Lärm, Verkehr: Es gab Zeiten, in denen produzierende Unternehmen in der Stadt nicht gern gesehen waren. Warum hat sich das geändert?
Gerhard Hirczi: Die Konfliktlinien zwischen der wohnlichen und der gewerblichen Nutzung der Stadt bestehen immer noch. Sie sind aber dadurch schwächer geworden, dass die Art der Industrie heute eine andere ist als vor 20 oder 30 Jahren. Rauchende Schlote gibt es in der Stadt faktisch nicht mehr. Der Platz ist beschränkt, wir brauchen Grün- und Wohnraum und natürlich auch wirtschaftliche Nutzungen, da die Menschen, die in der Stadt wohnen, Arbeitsplätze benötigen. Insofern denke ich, dass die Zeit reif ist für eine neue Produktion in den Städten.

Was meinen Sie damit?
Gerhard Hirczi: Eine andere Art der Produktion als jene, die wir kennen. Es werden nicht mehr die großen Fabriken sein, die ihre Fließbänder aufstellen und dafür hunderttausende Quadratmeter brauchen. Wir in der Wirtschaftsagentur gehen das Thema bewusst breit an: Von der Industrie 4.0, die sich durch die Digitalisierung der Produktionsprozesse auszeichnet, bis hin zu Urban Manufacturing – einem Segment, das weit in die Kreativszene hineinreicht. Das bietet ganz neue Chancen für Städte.

Was gibt es in Städten, das es auf dem Land nicht gibt?
Gerhard Hirczi: Know-how, gut ausgebildete Arbeits­kräfte, Universitäten und Forschungsinstitute. Das findet sich alles nicht auf der grünen Wiese, wenngleich die Kosten dort vielleicht um zehn oder 20 Prozent geringer sind.

Bei welchen Branchen setzen Sie in Wien im Besonderen an?
Gerhard Hirczi: Zum einen wie gesagt bei der Industrie: Digitale Produktion heißt hoher Anteil von Informations- und Kommunikationstechnologie. Das ist eines der Stärkefelder Wiens. Wir befinden uns unter den Top-fünf-ICT-Standorten in Europa, wir haben viel IT-Kompetenz, und wir haben nach wie vor eine gute Industrie-Infrastruktur. Das geht in der öffentlichen Wahrnehmung oft unter.

Wie sieht es mit dem Kreativbereich aus? Er macht eine Stadt lebendig und ist im Stadtbild sichtbar.
Gerhard Hirczi: Der Manufacturing-Bereich ist viel amorpher. Da bewegt sich viel, aber die Szene ist nicht homogen. Unser Ansatz ist es, bestehende Kompetenzen, wie etwa die Handwerkskompetenz, mit anderen Bereichen, etwa Design, zu verknüpfen, Gestaltung und Produktion, klassische Betriebe und junge Wilde zusammenzubringen. Wir sehen, dass es kleine Unternehmen heute wieder leichter haben, wettbewerbsfähig zu sein. Neue Technologien haben die Distanz zwischen Produzenten und Konsumenten verkleinert. Heute kann jedes EPU über einen Webshop direkt an den Kunden herankommen. Zudem hat das Lokale ungemein an Wichtigkeit gewonnen, was überwiegend eine Wiener Erscheinung ist.

Inwiefern ist das eine Wiener Erscheinung und keine globale?
Gerhard Hirczi: Wir machen das vor allem daran fest, wie sich Wien in den vergangenen zehn bis 15 Jahren verändert hat. Der Strukturwandel in Wien war in den vergangenen 20 Jahren so groß wie in kaum einer anderen westeuropäischen Stadt. Damit meine ich einen wirtschaftlichen Wandel von alten Massenstrukturen hin zu Know-how-intensiven Strukturen.

Artikel von Stephan Hilpold:

Stephan Hilpold leitet die Lifestyle-Beilage »Rondo« der Tageszeitung »Der Standard«.


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