Das einzig Hässliche in der Kunst ist das Misslungene

Klaus Albrecht Schröder und Konrad Paul Liessmann zur Aktualität des Schönen

Klaus Albrecht Schröder und Konrad Paul Liessmann Photo: Marlene Rahmann

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann und Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder sprachen mit Christian Höller über die Idee der Schönheit in der Kunst, über den modernistischen Bruch mit dem Schönen … und über die »schöne Leich«, die in Wien zelebriert wird.

Auf den ersten Blick scheint die Idee der Schönheit in der Gegenwartskunst keine bedeutende Rolle zu spielen. Oder doch?
Klaus Albrecht Schröder: Die Schönheit hatte in der zeitgenössischen Kunst schon einen schwereren Stand als heute. Insbesondere in den Nachkriegsjahrzehnten konnte man mit der Vorstellung einer kanonisierten Schönheit nichts anfangen – sie wurde geradezu zum Zerrbild dessen, was Kunst hätte sein können. Das hat sich aber in den 1980ern geändert. Heute wird die Schönheit in der Kunst ebenso verachtet und medienkritisch analysiert wie ohne jede kritische Distanz gefeiert. Ein prominenter Feierer ist Jeff Koons, dem die Schönheit der Frau, der Medien- und der Konsumwelt ein großes Anliegen ist. Selbst ein Künstler wie Arnulf Rainer, der durch seine Entsagung sämtlicher Vorstellungen des Schönen oder Hässlichen exzelliert hat, macht seit 15, 20 Jahren wieder Bilder, in denen es definitiv um Schönheit geht. Last but not least ist das große Dekorative, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts – etwa bei Henri Matisse – eine Rolle gespielt hat, eine Variante der zeitgenössischen Kunst, die gleichwertig neben vielen anderen existiert.
Konrad Paul Liessmann: Die Absage an das Schöne als Leitidee künstlerischer Produktivität stellt keine Errungenschaft der Moderne dar, sondern datiert aus dem späten 18. Jahrhundert. So hat schon Friedrich Schlegel festgestellt, dass die Idee des Schönen von der Idee des Interessanten abgelöst wurde. Kunst muss auffallen, muss reizen und provozieren, diskurs- und theoriefähig sein. Dazu kommt, dass gewisse Entwicklungen der Moderne der Idee der Schönheit zutiefst verpflichtet waren. Ein Beispiel wäre die Abstrakte Kunst: Was soll denn faszinieren an einem Bild, das nur aus Farbe und Form besteht, wenn nicht das ästhetisch Überwältigende? Man steht vor einem Mark Rothko und sagt: »Das ist ein wunderschönes Rot.« Kasimir Malewitschs »Rotes Quadrat« stellt eine intellektuelle Provokation dar, zugleich gehorcht die Einheit von Farbe und Form aber der Idee des Schönen. Ein dritter Punkt: Das Schöne war weder in der Antike noch im Klassizismus des 18. Jahrhunderts nur das rein Dekorative oder Plakative. Vielmehr war es stets Ausdruck von Wahrheit oder von moralischen Ansprüchen und hatte so auch immer etwas Irritierendes.
Klaus Albrecht Schröder: Dass man überhaupt auf die Frage kommt, ob Schönheit und zeitgenössische Kunst zusammenpassen, scheint an der heute völlig verkürzten Vorstellung von Schönheit zu liegen. Schönheitskultur und -ökonomie zwingen uns dazu, den Begriff auf einen idealischen Körper zu reduzieren. Doch wir müssen die Ästhetik, Lehre des Schönen, als Grundlage jeder Kunst­betrachtung ansehen. Was gibt es Schöneres als einen geschundenen Leib von Grünewald? Der Wiener spricht zu Recht von einer schönen Leiche, und Sigmund Freud war begeistert von den »schönen« Neurosen, die er entdeckt hat. In all diesen Fällen schlägt die Faszination an dem, was man wahrnimmt, in ein Moment des Erlebnisses von Schönheit um. Prima vista mag die auf dem Sofa liegende fette, nackte Frau nicht unserem Schönheitsideal entsprechen, aber wenn Lucien Freud sie gemalt hat, dann empfinden wir das qua Ästhetik, Gestalt und Form als schön.

Nun sagt etwa der Philosoph Arthur Danto: »Most of the world’s art is not beautiful, nor was the production of beauty part of its purpose.« Wie stehen Sie dazu?
Konrad Paul Liessmann: Tatsächlich war es nie das Ziel der Kunst, Schönheit zu produzieren. Vielmehr sollte mit der Idee der Schönheit etwas anderes zum Ausdruck gebracht werden. Versteht man Schönheit in einem umfassenderen Sinn – etwa als die Frage, was eine gelungene Komposition ausmacht –, kann darunter auch etwas Unangenehmes und Hässliches fallen. Ein Beispiel aus der Literatur: In Kafkas »Strafkolonie« kommt nichts Schönes vor, trotzdem ist die Erzählung großartige Kunst. Auch bei der modernen Kunst schleicht sich – dies als kleine Korrektur an Danto – das Gefühl ein, man stehe etwas Schönem gegenüber. Danto hat sich zentral mit der Frage befasst, wie wir mit Kunst umgehen sollen, die sich in nichts von Alltagsgegenständen unterscheidet. Schließlich ist bei einem Flaschentrockner oder einem Pissoir Schönheit üblicherweise nicht das entscheidende Kriterium. Auf der anderen Seite könnte man sagen, dass die Rache des Alltags an der Kunst darin bestand, dass ein Design, das klassischen Schönheitskonzeptionen entspricht, in die Kunst zurückgekehrt ist. Gerade in der Mode, im Design oder in der Fotografie haben uralte Schönheitskriterien wie Proportionalität oder Symmetrie Renaissancen sondergleichen erlebt.
Klaus Albrecht Schröder: Das Schöne wurde in der Kunst immer dann abgelehnt, wenn seine reale Dominanz in Mode, Kosmetik oder Schönheitsmedizin so evident wurde, dass das Verständnis des Schönheitsbegriffes nicht mehr allumfassend war, dass er etwa nicht mehr für Wahrheit oder das Idealtypische stand. Das ästhetisch Hässliche wurde nur deshalb dem Schönen gegenübergestellt, weil sich das Schöne in der realen Welt erstmals auf das reduziert hatte, was das Kaufhaus in seinem Schaufenster anbietet. Wenn Jeff Koons das Schöne feiert, so meint er durchaus auch jene Oberfläche, welche die Fashion Photography als schön feiert.

Der modernistische Bruch mit dem Schönen bestand unter anderem darin, es, wie Arthur Rimbaud sagt, als etwas Bitteres »zu beschimpfen«, oder ihm wie Marcel Duchamp einen Schnurrbart aufzumalen. Was sagen Sie dazu, dass diese Ansätze heute voll und ganz in den ästhetischen Kanon integriert sind?
Klaus Albrecht Schröder: Mir scheint es sinnlos, Rimbaud oder Duchamp als Zeugen für eine epochaltypische Abwendung vom Schönen anzurufen. Das sind einzelne Positionen; aber neben Rimbaud hat zum Beispiel ein Bouguereau gearbeitet, neben Duchamp hat sich Picasso wieder der Klassizität zugewendet. Wir sollten aus Einzelbeispielen keine epochaltypischen Generalisierungen ableiten, übrigens auch in der zeitgenössischen Kunst nicht.
Konrad Paul Liessmann: Überall dort, wo Kunst den glatten Formen der Kulturindustrie oder des Designs Widerstand leisten wollte, hat sie nicht auf den Begriff der Schönheit verzichtet. Vielmehr hat sie ihn anders zu interpretieren versucht, etwa im Schiller’schen Sinne, dass Schönheit »Freiheit in der Erscheinung« sei. Das ist ein politisches Programm. Genau dort, wo Kunst es als Aufgabe betrachtet, bestimmte Formen von Freiheit zur Erscheinung zu bringen, um damit gegen Verhältnisse der Unfreiheit zu protestieren, möchte sie einen authentischen Begriff von Schönheit als kritischem Potenzial entfalten. Inwiefern dies je gelingt, ist eine andere Frage. Das einzig wirklich Hässliche in der Kunst ist das Misslungene. Alles andere ist schön.

Artikel von Christian Höller:

Christian Höller ist Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift »springerin – Hefte für Gegenwartskunst«.


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