»Damals verliebte ich mich in die Stadt«

Drei Kunstschaffende mit Wohnsitz Wien im Gespräch

Photo: Marlene Rahmann

Wien wird internationaler – das ist nicht nur auf deutsche Manager und russische Opernsängerinnen zurückzuführen, sondern auch auf die Kunstszene: Dass jemand mit Wohnsitz Wien nicht in Dornbirn, Schärding oder Eisenstadt geboren wurde, sondern in Frankfurt oder Belgrad, ist längst keine Ausnahme mehr. Im Café Landtmann am Wiener Universitätsring trafen drei Künstlerinnen und Künstler – der gebürtige Australier Andy Boot, Laurent Ajina, der zuvor in Paris lebte, sowie die in Brasilien aufgewachsene Roberta Lima – zusammen. Sie sprachen über die Wege, die sie nach Wien führten, über die Spezifika der hiesigen Kunstszene … und über die Langeweile und Hässlichkeit dieser Stadt.

Sie kommen aus verschiedenen Ländern und haben Wien als Ihren Lebensmittelpunkt gewählt. Was hat Sie hierhergeführt?
Andy Boot: Ich studierte ursprünglich Communication Design und erhielt 2007 ein Stipendium in Graz. Hier lernte ich meine Partnerin kennen und entschloss mich, gemeinsam mit ihr nach Wien zu gehen und Kunst zu studieren.
Laurent Ajina: Bei mir sind es familiäre Gründe. Wir kamen immer wieder auf Urlaub hierher. Schließlich entschieden wir uns, gleich zu bleiben. Damals verliebte ich mich in Wien.

Roberta Lima, Sie kamen auch zum Studium nach Wien, oder?
Roberta Lima: Eigentlich nicht. Meine Geschichte beginnt 1997. Ich studierte Architektur in Brasilien, legte dann aber eine Auszeit ein. Mein damaliger Partner hatte Familie in Wien. Ich kam hierher und verliebte mich in die Stadt, doch irgendwann ging die Beziehung in Brüche. Ich kam zurück und eröffnete meinem Vater, dass ich nicht weiter Architektur studieren wolle, sondern Fotografie, und zwar in Wien oder anderswo in Europa. Mein Vater schloss mit mir einen Deal ab: Wenn ich Architektur fertigstudierte, dann würde er mir ein weiteres Studium finanzieren. So geschah es, und seit 2001 lebe ich nun in Wien.

Warum haben Sie sich, wie Sie es selbst formulieren, in die Stadt verliebt?
Roberta Lima: Ich wurde in eine Gesellschaft hineingeboren, in der alles kontrolliert wird: Körper, Identität, Sexualität. Als ich nach Wien kam und sah, welches Erbe an queerer Kunst, an Performance und Aktionismus es hier gibt, merkte ich, dass es der richtige Ort für mich ist.
Laurent Ajina: Ich erinnere mich an den ersten Eindruck, den ich hatte, als ich vor elf Jahren aus Paris kam: Hier ist nicht alles perfekt. Ich war es gewohnt, in einer Art Freilichtmuseum zu leben. Hier ist alles unfertig, es ist ein Ort, an dem etwas geschehen kann. So etwas ist in jeder Beziehung sehr wichtig!

Andy Boot, was war Ihr erster Eindruck von Wien?
Andy Boot: Das Erste, woran ich mich erinnere, ist: Hier kommt so häufig die Schrifttype Helvetica zum Einsatz! Das hat mich wirklich gepackt.

Wenn Sie die Wiener Kunstszene mit jener vergleichen, die Sie zuvor kannten: Worin bestehen die wesentlichen Unterschiede?
Roberta Lima: Ich war in Brasilien nicht wirklich in der Kunstszene verankert. Aber hier fällt mir auf, dass sich eine lebendige Debatte um postkoloniale, migrantische und queere Kunst entspinnt: Dekolonisierung, die politische Situation des Landes, die Flüchtenden – all das sind brennende Themen. Wien ist vielleicht konservativ, war aber seit dem Wiener Aktionismus stets offen für Protest.

Laurent Ajina, was meinen Sie?
Laurent Ajina: Wien ist ein guter Ort zum Leben, weil es ziemlich günstig ist. In anderen europäischen Städten erschweren es die hohen Kosten, ein Atelier zu mieten, hier aber hat man viel Platz zur Verfügung. Außerdem fokussiert sich in Paris alles viel stärker auf Literatur, hier aber interessieren sich die Leute mehr für das Bild. In Paris wird unentwegt geredet und geschrieben, in Wien ist alles viel direkter.
Andy Boot: Die australische Kunstszene ist etwas enttäuschend. Zwar passieren schon interessante Dinge, doch als ich dort war, fühlte ich mich ein wenig, als sei ich in Großbritannien – aber vor 30 Jahren. Man befasst sich dort mit dem Porträt und der Landschaft. Hier ist einfach mehr los!

Wie ist Ihr Blick auf die alternative Kunstszene in Wien?
Roberta Lima: Die ist durchaus lebhaft. Man sieht das in manchen Klassen auf der Akademie, es gibt Initiativen wie die »Wienwoche« oder »kültürˇ  gemma«, die bewusst prekäre Kunstformen fördern. Und es gibt eine Menge Räume, viele Menschen, die sich engagieren: das weisse haus, früher Ve.Sch, ARTmART im Künstlerhaus … Auch in der Rosa Lila Villa geschieht einiges.

Welche spannenden Orte haben Sie hier zuletzt entdeckt?
Roberta Lima: Genau den, an dem wir uns jetzt befinden! Im Café Landtmann war ich noch nie. Wir haben in Brasilien nichts Vergleichbares. Als ich das erste Mal in einem Wiener Kaffeehaus saß und der Kellner mich nicht sehr freundlich behandelte, dachte ich: Oh Gott, was mache ich falsch? Ihr werdet jetzt wahrscheinlich sagen: Na klar, das weiß doch jeder, dass die Kellner oft unfreundlich sind! Aber wenn man das erste Mal hierherkommt, dann ist man das eben noch nicht gewohnt …
Andy Boot: Ich gehe viel mit meinem Hund im Wienerwald spazieren, den man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln leicht erreicht. Es ist eine sehr grüne Stadt.
Laurent Ajina: Mir gefällt es, wenn man durch die Straßen geht und auf eine neue Lokalität gleich neben einem sehr alten Geschäft stößt, das vielleicht schon seit 50 oder 60 Jahren existiert und in dem lauter alte Sachen verkauft werden. Es gibt Zwischenräume. Anders als in Paris, wo Baron Haussmann die gesamte Stadtplanung prägte, findet sich hier eine interessante Mischung.
Roberta Lima: Das ist auch im siebenten Bezirk so. Seit ich in Wien bin, lebe ich dort. Ich bin ein echtes Neubau-Mädchen! In den 1980er-Jahren war das noch ein Rotlichtviertel, dann wurde es zu einer Bobo-Gegend, und jetzt gibt es hier Flüchtlingsunterkünfte. Die Stadt wird immer bunter. Und wenn ich Besuch aus Brasilien habe, zeige ich ihm den Kahlenberg. Ich habe nämlich irgendwo gelesen, dass Wien die einzige Stadt weltweit ist, in der Wein im urbanen Umfeld wächst.

Da wir über Wien sprechen, wo man gern auch mal jammert: Gibt es denn gar nichts zu beklagen?
Roberta Lima: Das ist ja das Gute hier, dass man gegen etwas sein kann. In Brasilien muss immer alles in Ordnung sein. Die Menschen fragen dort: »Tudo bem?«, also »Alles gut?«. In Österreich fragt man: »Wie geht’s?« Das ist der Unterschied.
Laurent Ajina: Manche meinen, Wien sei langweilig. Ich finde es manchmal ziemlich hässlich. Aber das ist auch gut so: Zu viel Schönheit kann einen lähmen.

Artikel von Nina Schedlmayer:

Laurent Ajina, geboren 1970 in Paris, studierte zunächst Architektur, wurde dann aber bildender Künstler. Entwickelte eine eigene Formensprache aus abstrakten Linien, Netzen und rhythmischen Systemen, die er auf drei Arten von Oberflächen aufträgt. Experimentiert dabei mit Licht, Körper und Material. Ajina stellte erstmals 2008 in der Schweiz aus und hat seine Arbeiten seitdem weltweit gezeigt. Er lebt seit zwei Jahren in Wien.

Roberta Lima, geboren 1974 in Manaus, Brasilien. Nach Studium der Architektur Master- und Doktoratsstudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien, wo sie seit 2001 lebt und arbeitet. Lima stellt ihren Körper in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten in den Bereichen Fotografie, Video und Installation. Sie greift von Subkultur über Wissenschaft bis zur feministischen Theorie diverse Kontexte auf. Daraus entsteht ein Diskurs über die Kunstproduktion und die Rolle des Künstlers sowie des Betrachters.

Andy Boot, geboren 1987 in Australien, lebt und arbeitet in Wien. Bezug nehmend auf Duchamps Frage, ob es möglich sei, Kunstwerke zu schaffen, die keine Kunst seien, fragt sich Boot, ob man ein Bild anfertigen könne, das nicht eigentlich ein Bild sei, und was ein Bild zu einem Bild mache – zumal angesichts der überbordenden Informations- und Bildflut durch Medien wie vor allem das Internet, wo Hintergrundinformation immer seltener gegen Oberflächenglanz ankommt.

Nina Schedlmayer, geboren 1976. Studium der Kunstgeschichte in Wien und Hamburg. Nach Ausflügen in den Galerie- und Ausstellungsbetrieb freie Journalistin und Kunstkritikerin. Schreibt seit 2004 unter anderem für »profil«, »artmagazine.cc«, »Handelsblatt«, »EIKON« und »Spike Art Quarterly«. Zahlreiche Katalog- und Buchbeiträge. Dissertation zur Kunstgeschichtsschreibung im Nationalsozialismus. Lebt und arbeitet in Wien.


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