Aus Leidenschaft zur Kunst

Porträt zweier Sammler

Gheri Sackler und Wolfgang Renner / Foto: Marlene Rahmann

Ab wann soll man sich »Sammler« nennen? Weder die ehemalige Galeristin Gheri Sackler noch der Anwalt Wolfgang Renner wollen als solche bezeichnet werden. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass man »gute Kunst nur in guten Galerien« kaufen sollte. Und über das, was einen echten Collector ausmacht, könne man ohnehin nicht wirklich reden, das müsse man spüren …

»Eigentlich ist meine Sammlung nichts Großartiges«, sagt Gheri Sackler bescheiden, »ich habe mich nur schon recht früh mit Kunst beschäftigt.« Und so sind die Wände der sympathischen Österreicherin über und über mit Arbeiten zeitgenössischer Künstler vollgehängt. Angefangen habe alles 1966. Damals kaufte sie sich als junge Kunststudentin in Kalifornien ihre erste Arbeit von Charles »Chuck« Arnoldi. Immerhin 1.500 Dollar musste sie dafür hinblättern, aber »ich hab es nie bereut«. Inzwischen hat die Dame, deren Nachname dank des Mäzenatentums ihres Ex-Mannes nicht nur in Museen wie der Londoner Tate Modern (Sackler Escalator) und dem Metropolitan Museum of Art in New York (Sackler Wing) zu finden ist, »so einiges zusammengekauft« und diese Arbeiten auf ihre Wohnorte – Monaco und New York – verteilt. Kunst im Keller zu bunkern käme für die ruhe­lose Kosmopolitin nicht infrage.

Wenn Kunstsammlungen auch etwas über ihre Gründer erzählen, dann ist es im Falle Gheri Sacklers, dass die Akquisitionen oftmals ortsbezogen sind. So hängen beispielsweise in Wien viele Werke österreichischer Künstler, die Mrs. Sackler beim Rundgang durch ihre Lieblingsgalerien entdeckt hat. Berühmte Namen wie Franz West und Tamuna Sirbiladze sind hier ebenso vertreten wie Clemens Fürtler mit einer erst jüngst angelieferten Arbeit.

»Das ist ein bisschen wie eine Sucht«, so Mrs. Sackler. »Es interessiert mich einfach sehr, was auf dem Kunstmarkt Neues passiert.« Und nach welchen Gesichtspunkten kauft sie ein? »Wenn mich eine Arbeit berührt oder in irgendeiner Form zum Nachdenken anregt, weil sie zum Beispiel die Zeit reflektiert, in der wir gerade leben, dann kann ich mich nur schwer zurückhalten«, erklärt Gheri Sackler ihre Philosophie des Bauchgefühls beim Erwerb von Kunst. Die heute oft diskutierte Kunstblase ist für sie kein Thema: »Um gute Arbeiten zu kaufen, muss man nicht reich sein!« Das New Yorker Ehepaar Dorothy und Herbert Vogel habe eindrucksvoll vorgemacht, wie man mit wenig Geld und viel Kunstsinn eine beachtliche Sammlung aufbauen kann. Die Bibliothekarin und der Postbeamte häuften in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung nahezu 5.000 Werke von heute gefeierten Künstlern des Minimalismus und der Konzeptkunst an.

Auch sie selbst habe, was das Finanzielle betreffe, »absolut Limits«. Die astronomischen Summen, die heute bei Auktionen für gewisse noch lebende Künstler gezahlt würden, sei sie »gewiss nicht« bereit auszugeben. Braucht sie auch nicht: Anfang der 1970er-Jahre übersiedelte die Mutter dreier Kinder nach Paris und eröffnete zeitgleich in München die Galerie JASA. »Wir haben damals natürlich auch Gerhard Richter gezeigt.« Da aber nur wenige Leute den »Picasso des 21. Jahrhunderts« kaufen wollten, habe sie sich halt selbst ein paar Arbeiten behalten, erzählt Gheri Sackler lächelnd.

Kunst ist aber bei Weitem nicht das einzige Betätigungsfeld des äußerst umtriebigen ehemaligen Models. Gemeinsam mit ihrer Familie gründete sie im New Yorker Guggenheim Museum das Sackler Center for Arts Education, dessen Zweck »hauptsächlich darin besteht, auf die enge Verknüpfung von Kunst und Bildung zu verweisen«. Hier ist die Philanthropin Gheri Sackler voll in ihrem Element. Mit fast missionarischem Eifer kämpft sie heute zum Beispiel für den von ihr ins Leben gerufenen Verein Wiener Lerntafel, der Kindern aus finanziell und sozial schwachen Familien kostenlose Nachhilfestunden anbietet. »Ich habe beschlossen, meine Kraft und Energie dorthin zu lenken, wo sie wirklich gebraucht wird.« Sagt sie und lächelt dabei mindestens so glücklich, wie wenn sie an ihre Bilder von Gerhard Richter denkt.

»Kunstkauf ist vor allem Vertrauenssache!«

»Sammler« – dieses Wort möge er gar nicht, sagt auch Wolfgang Renner. »Das ist ein so großspuriger Begriff!« Vielmehr beschäftige er sich mit dem Thema Kunst seit etwa 30 Jahren mit großer Freude, ja sogar Liebe. Inzwischen hat der kunstsinnige Wiener Anwalt an die 200 Werke zusammengetragen. Der Schwerpunkt liegt auf zeitgenössischer österreichischer Kunst, wie beispielsweise von Adriana Czernin, Svenja Deininger, Tillman Kaiser oder Nick Oberthaler, aber auch zahlreiche internationale Künstler sind vertreten. Zur Zeit komme er noch ohne »Art Storage« aus. »Ich will die Arbeiten ja um mich haben und mit ihnen leben«, erklärt der 47-Jährige. Ob zu Hause oder im Büro: »Alles muss irgendwo hängen!«

Sein erstes Bild hat Wolfgang Renner im Alter von 23 Jahren gekauft. Damals studierte er in New York, und weil er viel in Künstlerkreisen unterwegs gewesen sei, habe er das Glück gehabt, den Maler und Grafiker Ross Bleckner und andere New Yorker »Künstlerstars« der 1990er wie David Salle, James Brown und Philip Taaffe kennenzulernen. »Meine erste Investition in Kunst war der Kauf einer kleinen Zeichnung von Ross.« 1.500 Dollar habe er seinerzeit dafür bezahlt, erzählt Renner nicht ohne Stolz auf seine gute Nase. Schließlich zählt Ross Bleckner seit den 1980er-Jahren zu den berühmtesten US-amerikanischen Künstlern.

Spielt denn der Investment-Aspekt beim Kauf eines Kunstwerks eine Rolle? Der Anwalt verneint. Wenngleich: »Ich mache mich natürlich ein bisschen schlau, bevor ich eine Kaufentscheidung treffe, und recherchiere, wie die Karriere des Künstlers bisher verlaufen ist beziehungsweise welche Aussichten für die Zukunft bestehen.« Für den Sammler sollte Kunst aber nie nur ein Spekulationsobjekt sein, sondern ihm vor allem Freude bereiten. Zukunftsprognosen könne man nie mit absoluter Sicherheit treffen, doch gebe es so etwas wie »Risikokünstler«, und dann auch solche, wo man sich sage: »Wenn ich das Werk dieses Künstlers in zehn Jahren aus irgendeinem Grund wieder verkaufen muss, kann nicht so viel passieren. Wahrscheinlich kriege ich mehr oder weniger das zurück, was ich seinerzeit ausgegeben habe.«

Hat er eine Vorliebe für eine bestimmte Kunstrichtung? Nein, sagt Wolfgang Renner, »ich kaufe querbeet: Fotografie, Malerei, Skulpturen – eben alles, was mir gefällt.« Erzählen die Arbeiten, die er sich aussucht, auch etwas über ihn selbst? Nun, das sei für ihn ein bisschen schwierig zu beurteilen. »Es ist vielleicht so, wie wenn man in einer zwischenmenschlichen Beziehung ist, dann hat man ja auch keinen klaren Blick auf das Liebesverhältnis.«

Auf jeden Fall sei Kunstkauf vor allem Vertrauenssache. »Für mich nimmt deshalb der Galerist eine zentrale Rolle ein, fast sogar zentraler als der Künstler selbst!«, stellt Anwalt Renner fest. Wenn ihm ein junger Künstler zur Ansicht empfohlen werde, »dann schau ich mir den allein schon deshalb an, weil ich dem Galeristenurteil vertraue und weiß, dass ich mich auf seine oder ihre professionelle Einschätzung verlassen kann.« Seine Akquisitionen wickle er daher auch ausschließlich über Galerien ab. Hat Wolfgang Renner so etwas wie einen Lieblingskünstler? »Nein«, sagt er, und fügt hinzu: »Ich liebe immer die Arbeit am meisten, die ich zuletzt gekauft habe.«

Artikel von Bettina Hoyos:

Bettina Hoyos, geb. 1963 in München. Studium der Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Volontariat »Mittelbayerische Zeitung«, Regensburg; 1988 Übernahme als Redakteurin. Seit 1991 arbeitet sie als freie Journalistin.


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